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Wolfgang Sofsky

Samuel Beckett:
Kulturkrieg gegen Farben  

Auf seiner mehrere Monate dauernden Rundreise durch Deutschland anno 1936/37 wurde Beckett, der in fast jeder Stadt zuerst die Bilder in den Museen, Archiven und Kellern aufsuchte, zum Augenzeugen des nationalsozialistischen Kulturkriegs gegen die moderne Kunst. Hier einige Bemerkungen aus seinen Briefen:

„28.11.36, Hamburg…. Ich habe mehrere exzellente Privatsammlungen besucht (nur dort ist gegenwärtig in Deutschland aktuelle Kunst zu sehen. Das Kronprinzenpalais in Berlin ist geschlossen, & das ist typisch für das ganze Land, und die Kampagne gegen „Kulturbolschewismus“ fängt gerade erst an)…. Ich bekam auch die Genehmigung, den Keller der Galerie zu besichtigen und sah dort im Dämmerlicht ein paar exzellente Bilder der „Brücke“-Gruppe, in einem anderen Keller sind an die 60 Bilder des deutschen Impressionisten Liebermann. Mir wurde die Erlaubnis verweigert, im Museum für Kunst und Gewerbe einen Teppich nach einem Entwurf von Schmidt-Rottluff zu besichtigen…“

13.12.36, Berlin…Die Reise erweist sich als Debakel. Deutschland ist gräßlich. Das Geld ist knapp. Ich bin ständig müde. Alle modernen Bilder sind in den Kellern. Ich notiere alles, wie es kommt, habe aber seit meiner Abreise nichts Zusammenhängendes geschrieben, auch nichts Unzusammenhängendes. Und nicht das Gespenst eines Buchanfangs…“

22.12.36, Berlin… Die modernen Säle des Kronprinzenpalais sind geschlossen, d.h.die moderne deutsche Malerei ab Nolde. In Hamburg bekam ich eine Genehmigung verschiedene Sachen zu sehen, die dem deutschen Publikum nicht mehr zugänglich sind, und werde sie auch beim Direktor des Kronprinzenpalais ausprobieren, obwohl sie nur Hamburg gültig ist. Im Parterre hängen wundervolle Munchs und van Goghs…“

16.2.37, Dresden…Hier habe ich alle möglichen Freunde und interessante Leute kennengelernt, besonders einen Kunsthistoriker namens Grohmann, der alle kennt, von Picasso bis Salkeld…Er hat Picassos & Klees & Kandinskys & Mondrians und eine Menge Deutsche. 1933 wurde er von seinem Posten hier am Realgymnasium der Galerie entfernt, wie alle anderen seiner Art. Über ihn konnte ich eine der besten Privatsammlungen moderner Kunst in Deutschland besichtigen, die Ida-Bienert-Sammlung, die von einem erstaunlichen Cézanne bis zu Léger & Chagall & Archipenko & Marc & Munch & prächtigen Kostproben aller dieser Namen und noch vielen anderen reichte…Ich ging zweimal hin, das zweitemal zum Essen…Dann eine Menge amüsante Russen (Obolensky), blaublütig und blau von revolutionären Entbehrungen, mit denen ich mich so angenehm verstrickt habe, daß ich vor Freitag nicht wegkomme…“

aus: Samuel Beckett, Weitermachen ist mehr, als ich tun kann. Briefe 1929-1940, Frankfurt 2013.

Die Kunstsammlerin Ida Bienert konnte ihre Sammlung bei Kriegsende nach München retten und lebte bis zum ihrem Tod 1965 vom Verkauf der Bilder. Der Kunstwissenschaftler Will Grohmann publizierte unter dem Pseudonym Olaf Rydberg weiter, nach 1945 war er Professor an der Berliner Hochschule der Bildenden Künste. Nach seinem Tod 1968 gingen Teile seiner Sammlung an die Stuttgarter Staatsgalerie. 

© WS 2014

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