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Wolfgang Sofsky
Beckett: Belacqua und der Toast

„Er lehnte sich im Stuhl zurück, um zu fühlen, wie sein Geist sich beruhigte und der Juckreiz dieses erbärmlichen Quodlibets nachließ. Es war nichts zu machen, solange es seinem Kopf nicht besser ging und der sich nicht beruhigte, was er nach und nach tat. Dann wagte er, sich zu fragen, was er als nächstes zu tun hätte. Es gab immer etwas, das man als nächstes zu tun hatte. Drei große Aufgaben zeigten sich. Zunächst das Mittagsmahl, dann der Hummer, dann die Italienischstunde. Das langte vorerst. Was nach der Italienischstunde kam, wußte er noch nicht genau. Bestimmt hatte irgendwer irgendein mieses Programm für den späten Nachmittag und Abend aufgestellt, aber er wußte nicht, was für eins. Es war auch nicht wichtig. Wichtig war: erstens, das Mittagsmahl; zweitens der Hummer, drittens die Italienischstunde. Das war mehr als genug, vorerst.

Das Mittagsmahl war, wenn es überhaupt geriet, etwas sehr Heikles. Wenn sein Mittagsmahl genußreich werden sollte, und es konnte sehr genußreich sein, brauchte er größte Ruhe, um es vorbereiten zu können. Wenn er jetzt jedoch gestört würde, wenn irgendein munterer Schwätzer jetzt einfalls- oder anliegensschwanger hereinplatzte, mochte er ebenso gut überhaupt nicht essen, denn das Essen würde ihm am Gaumen vergällen oder, noch schlimmer, nach gar nichts schmecken. Er mußte unbedingt allein gelassen werden, er mußte absolute Ruhe haben und ganz für sich sein, um das Essen für sein Mittagsmahl vorzubereiten.

Als erstes mußte er die Tür abschließen. Jetzt konnte niemand an ihn heran…Dann zündete er den Gasring an, hakte den viereckigen flachen Toaster, einen Asbest-Grill, vom Nagel, und stellte ihn genau auf die Flamme. Er merkte, daß er die Flamme kleinerdrehen mußte. Toast darf auf keinen Fall zu schnell gemacht werden. Denn wenn Brot, so wie es sich gehört, durch und durch getoastet werden soll, muß das über einer schwachen, gleichmäßigen Flamme geschehen. Sonst verkohlen nur die Außenseiten und innen das Weiche bleibt pappig wie zuvor. Wenn es etwas gab, das er über alles haßte, dann zu fühlen, wie seine Zähne tief im Weichen und Teigigen aufeinandertrafen….

Er klappte die Toastscheiben zusammen, er schlug sie heftig zusammen wie Zimbeln, sie hafteten dank der klebrigen Savora-Paste fest aneinander. Dann wickelte er sie vorläufig in irgendein altes Papier. Dann machte er sich ausgehfertig. Jetzt kam es darauf an, nicht angesprochen zu werden. In diesem Stadium angehalten und mit Konversationskotze überschüttet zu werden, wäre eine Katastrophe. Sein ganzes Wesen strebte voran, auf die bevorstehende Freude zu. Wenn er jetzt angesprochen würde, könnte er ebenso gut sein Mittagessen in die Gosse werfen und schnurstracks nach Hause zurückkehren. Sein Hunger auf dieses Mahl, der, wie ich wohl kaum zu sagen brauche, mehr von seinem Geist als seinem Körper ausging, steigerte sich manchmal zu solcher Raserei, daß er nicht gezögert hätte, jeden, der so tollkühn gewesen wäre, ihn anzuquatschen und aufzuhalten, zu schlagen und ohne Umschweife beiseite zu stoßen. Wehe dem Störenfried, der ihm in die Quere kam, wenn sein Sinn ganz auf dieses Mahl gerichtet war.“

(aus: Samuel Beckett, Dante und der Hummer, 1934, in: Beckett, Erzählungen 1976)

Adnote:
Becketts Belacqua hockt nicht mit angezogenen Knien in einem Felsspalt, die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf zwischen den Knien verborgen. Er ist geradezu ein Ausbund an Lebendigkeit, allerdings weder willens noch fähig, zu einem Zeitpunkt mehr als einen Gedanken zu fassen. Becketts spätere Figuren verlieren zusehends an Beweglichkeit. Murphy liebt es, sich nackt an seinen Schaukelstuhl zu fesseln. Molloy findet sich in dem Zimmer eingeschlossen, in dem seine Mutter gestorben ist. Malone ist bewegungsunfähig an das Bett gefesselt und gebraucht seine Hand, um mit einem winzigen Bleistift Worte in ein Heft zu notieren. Mahood, der Rumpf-Mann wurde einst vor einer Jausenstation auf Sägemehl in einen Krug gesetzt, aus dem nur sein Kopf herausschaut. Alle sind sie späte Nachfahren Belacquas, des Säumigen und Trägen; nur haben sie nichts mehr zu erwarten.

© WS 2014