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Wolfgang Sofsky
Der zweite Walzer
Carlos Kleiber dirigiert Johann Strauß op.346 

Auf dem Sprung vom Balldirigenten und Tanzkomponisten zum Operettenkönig versuchte sich Johann Strauß zunächst an einem Libretto, das im Orient spielt und „Indigo und die 40 Räuber“ hieß. Im Februar 1871 wurde das Machwerk im Theater an der Wien uraufgeführt, am Pult stand der Komponist höchstselbst. Sonderlich orientalisch klang die Musik nicht, die Töne kamen eher, wie der Biograph Ludwig Eisenberg schrieb, vom Lerchenfeld (16. Bezirk): „ melodisch packend, von pikanter rhythmischer Eigentümlichkeit und bestrickend instrumentiert. Als am Premierenabend beim Walzer ‚Ja, so singt man, ja, so singt man in der Stadt, wo ich geboren‘ das ganze Haus in einen jauchzenden Schrei ausbrach, die Insassen der Logen und Sperrsitze in tanzende Bewegungen gerieten, da glaubte man, jetzte müsse Strauß dem Primgeiger die Violine aus der Hand reißen, sie selber ansetzen und, wie einst beim ‚Sperl‘ zum Tanz aufspielen.“
Das Lied „Ja, so singt man“ wird im Walzer op.346 „Tausendundeine Nacht“ zu Beginn zitiert. Der zweite Walzer bietet das schwungvolle Bacchanal: „Laßt frei nun erschallen das Lied aus der Brust“, es folgen Motive aus dem 2. Akt und aus dem Finale. Auch der Eseltreiber aus der Operette taucht auf, bevor in der Coda sich alles zu großer Wirkung steigert. Die Uraufführung fand im März 1871 im Goldenen Saal des Musikvereins statt. Der Erfolg war triumphal.

Hier dirigiert der größte Meister der „Walzerseligkeit“, Carlos Kleiber, die Wiener Philharmoniker beim Neujahrskonzert 1992. Kleiber, der von manchen Kritikern zum bedeutendsten Dirigenten des 20.Jahrhunderts gekürt wurde, dirigiert, als entstünde die Musik erst im Augenblick der Aufführung. Seine Vorbereitung und die Proben waren indes von berüchtigter Gewissenhaftigkeit und zeitraubender Sorgfalt. So genau war er, daß er Noten las, die gar nicht notiert waren. Wie soll man sein Dirigat beschreiben? Beseelt, federnd, frei fließen die Bewegungen über jeden senkrechten Taktstrich hinweg, gelegentlich scheint sich der Tanz seiner zu bemächtigen, der Rhythmus bringt den Dirigenten selbst zum Tanzen. Aber trotz allen Enthusiasmus der Bögen und Linien ist die Aufführung von ungewöhnlicher Durchsichtigkeit und Präzision, in jeder Stimme, jeder Einzelheit. (Dauer ca. acht Minuten)

http://www.youtube.com/watch?v=g0kq1bSdpvk

©  WS 2014