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Wolfgang Sofsky
Alain: Von der Unentschlossenheit

Manche halten Untätigkeit für einen Beweis von Klugheit. Wer nichts tue, so sagen sie, mache auch nichts verkehrt. Andere halten Untätigkeit für eine Wohltat, weil sie alles beim Alten lasse. Wieder andere schätzen an Demokratien nicht nur die lange Bedenkzeit bis zu einer Enscheidung, sondern auch die Kunst der Nicht-Entscheidung. Diese Regierungsform sei anderen überlegen, weil sie die Untertanen mit möglichst wenigen Entschlüssen und Veränderungen behellige.

Vielen Apologeten des Nichtstuns ist freilich entgangen, daß Untätigkeit häufig einen höchst banalen Grund hat: die Unentschlossenheit. Sie ist von den Übeln eines der größten. Sie erzeugt ein Leiden ganz eigener Art. Sie hält Körper und Geist in fortwährender Erregung und gönnt dem Subjekt keine Ruhe, keinen Schlaf. Hin und her ist der Unentschlossene gerissen, soll er seine Liebe erklären oder nicht, soll er die Stellung kündigen oder nicht, soll er gegen die Mißhandlung protestieren oder nicht, soll er das Geld ausgeben oder nicht, soll er das Bündnis schließen oder nicht? In allen Lebensbereichen, im Privaten wie im Öffentlichen, ruiniert Unentschlossenheit das Leben. Der Unentschlossene glaubt, sich die Möglichkeiten zu erhalten, wenn er nichts tut. Doch am Ende verliert er jede Möglichkeit, wenn er etwas Mögliches nicht wirklich werden läßt.

„Man wägt die Folgen des einen Schrittes gegen die des anderen ab, ohne je von der Stelle zu kommen. Die Wohltat wirklichen Handelns besteht darin, daß die Möglichkeit, für die man sich nicht entschieden hat, vergessen wird und, genaugenommen, auch gar nicht mehr existiert, weil das Handeln alles verändert hat. Nur in Gedanken handeln dagegen ist nichts; alles bleibt wie es war. In jedem Handeln gibt es ein Element Glücksspiel; denn man muß seine Überlegungen abbrechen, bevor der Gegenstand erschöpft ist.“ (Alain, Die Pflicht glücklich zu sein, FfM 2005, S.190).

© W.Sofsky 2014

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