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Wolfgang Sofsky
Joyce/Beckett: Reinschreiben/Rausstreichen

joyceEnde der 20er Jahre verkehrte Samuel Beckett im Kreis des 24 Jahre älteren James Joyce in Paris. Joyce rief ihn manchmal in der Ecole Normale an und zitierte ihn zu einem Spaziergang oder einem Restaurantbesuch. Auch bei Zechgelagen waren die beiden Iren häufig zusammen. Beide hatten denselben Bildungsgang. Joyce hatte an der National University, Beckett am Dubliner Trinity College studiert, beide hatten ihre Examina in Französisch und Italienisch abgelegt. Joyce diktierte Beckett einmal ein paar Seiten von Finnegans Wake, und Beckett war maßgeblich an der Übersetzung von Anna Livia Plurabelle ins Französische beteiligt. Der Jüngere war dem Älteren sehr ergeben, und der Ältere war nicht abgeneigt, diese Ergebenheit auszunutzen. Beckett verfaßte eine verständige Kritik und stellte Joyce in die illustre Reihe von Dante, Bruno und Vico. Joyce ermunterte den Jüngling zur Schriftstellerei. Aber Beckett war niemals Sekretär von Joyce, und auch als künftiger Schwiegersohn verweigerte er sich beharrlich, was ihm regelmäßig die Wutausbrüche von Joycens Tochter Lucia eintrug. Beckett war kein Schüler von Joyce, seine Ästhetik zielte ins konträre Extrem. In Interviews mit James Knowlson und Martin Esslin bemerkte Beckett später dazu:

„Ich begriff, daß Joyce in puncto Wissen bis an die Grenze des Möglichen gegangen war. Er addierte immer noch etwas; man muß sich nur seine Druckfahnen anschauen! Und ich begriff, daß mein eigener Weg in der Verarmung lag, im Mangel an Wissen, im Subtrahieren statt im Addieren.“

„Wir sind diametral verschieden. Joyce war ein Synthetiker, er wollte alles, die gesamte menschliche Kultur, in ein oder zwei Bücher packen, und ich bin ein Analysierer. Ich entferne immer alles Zufällige und Nebensächliche, weil ich bis zum Kern der Sache, zum Wesentlichen, Archetypischen vordringen möchte… Wenn man alles Unwichtige und Zufällige fortnimmt, erhält man ein menschliches Wesen, das absolut real, aber nicht mit irgendwelchen Nebensächlichkeiten befrachtet ist.
(J. und E. Knowlson (Hg.), Beckett Erinnerung, Frankfurt 2006)

© W.Sofsky 2014

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