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Wolfgang Sofsky
Else Lasker-Schüler: Trakls Tod

Georg Trakl und Else Lasker-Schüler lernten sich im März 1914 in Berlin kennen. Noch am 25.10. schrieb er ihr aus dem Krakauer Spital eine Karte, sie möge ihn dort besuchen. Die Karte erreichte sie jedoch erst nach seinem Tod. Am 21.10. hatte sie Trakls Verleger Ludwig von Ficker gefragt, wohin sie Trakl die Schokolade schicken solle. Nachdem ihr Ficker den Todesfall mitgeteilt und sie gebeten hatte, Trakls Schwester Grete in Berlin die Nachricht persönlich zu überbringen, kaufte sie Blumen und besuchte die Schwester, brachte es aber nicht übers Herz, ihr von Georgs Tod zu erzählen. Mehrfach erwähnt sie ihr Entsetzen, auch in einem Brief an Ficker kurz nach der Todesnachricht: „Lieber verehrter Landvogt.. Es ist Nacht, ich muß Ihnen schreiben – hätte ich nur geahnt – ich wäre ja sofort zu Georg Trakl nach Krakau gefahren. Die Karte ist noch nicht angekommen. Ich bin so erschrocken, unbeschreiblich. Ich bekam sofort einen Herzkrampf und kann noch nicht richtig atmen“ (E. Lasker-Schüler, Lieber gestreifter Tiger. Briefe Bd.1, München 1969, Nr.88).

Später erzählt sie von Vorahnungen und Gesichten, in denen sie Trakls Tod vorhergesehen habe. Walter Mehring berichtete, Lasker-Schüler sei ins Café des Westens gestürzt und habe verkündet, Trakl habe sie im Traum heimgesucht und seinen Selbstmord angekündigt. Zwei Wochen später sei die Todesnachricht eingetroffen. 1926 kam sie darauf zurück und schrieb an Ficker: „Ich will mich sicher nicht überheben, aber ich hätte, wenn ich es gewagt hätte, froh machen können. Damals kam die Karte zu spät, ich wäre ja sofort abgereist. Ich sah in doch in meinem Zimmer, (wie es in meinem Gedicht steht) als 15jähriger im Havelok… seinem Mantelkragen – durch mein Zimmer gehen. Sicher am Tage, in der Stunde seines Sterbens. Jedenfalls erreichte mich ein Gedanke von ihm“ (E.Lasker-Schüler, Lieber gestreifter Tiger, Briefe Bd.1, Nr.93).

Obwohl durch antisemitische Ausfälle von Grete Trakl tief verletzt, schrieb Lasker-Schüler über Trakl ein Poem, das im Zeitecho Nr.3, 1915/16 erschien:

Georg Trakl †

Seine Augen standen ganz fern –
Er war als Knabe einmal schon im Himmel.
Darum kamen seine Worte hervor
Auf blauen und weißen Wolken.
Wir stritten über Religion,
Aber immer wie zwei Spielgefährten,
Und bereiteten Gott von Mund zu Mund.
Im Anfang war das Wort.
Des Dichters Herz, eine feste Burg,
Seine Gedichte: Singende Thesen.
Er war wohl Martin Luther.
Seine dreifaltige Seele trug er in der Hand,
Als er in den heiligen Krieg zog.
– Dann wußte ich, er war gestorben –
Sein Schatten weilte unbegreiflich
Auf dem Abend meines Zimmer.

(E. Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte, FfM 2004)

© W.Sofsky 2014