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Wolfgang Sofsky
Samuel Beckett: Kalbslunge und Steckrübe

Beckett, dessen Todestag sich zum 25. Male jährt, machte sich über seine Bedeutung, zumal über die Unsterblichkeit seines Ruhms, wenig Illusionen. Der Namenlose, die Solofigur des letzten Teils der Romantrilogie, hielt sich zeitweilig in der Nähe eines Schlachthofs auf, wo er zur Ruhe kam und von der Inhaberin einer Garküche einmal wöchentlich aus dem Behälter genommen wurde.

„Bevor sie mich wieder an meinen Platz stellte, nützte sie die Tatsache, daß mein Mund sichtbar war, um ein Stückchen Kalbslunge oder einen Markknochen hineinzustecken. Und wenn es scharf schneite, warf sie eine Plane über mich, die stellenweise wasserdicht war… Ja, ich stelle für sie ein kleines Kapital dar, und wenn ich je sterben sollte, so wäre sie, davon bin ich überzeugt, ehrlich verlegen. Das müßte mir eine wertvolle Hilfe sein. Ich stelle mir gerne vor, daß sie, wenn die verhängnisvolle Stunde der Abrechnung gekommen und meine Schuld gegenüber der Natur endlich getilgt ist, sich dagegen sträuben wird, daß man von dort, wo sie nur steht, die alte Vase entfernt, in der ich meinen Schicksalswechsel vollendete. Und vielleicht wird sie dort, wo man heute einen Teil meines Kopfes sieht, eine Melone, einen Riesenkürbis oder eine dicke Ananas mit dem kleinen Haarbüschel, oder besser noch , ich weiß nicht warum, eine Steckrübe zu meinem Andenken hinlegen lassen. So werde ich nicht ganz verschwinden, wie es jenen häufig geschieht, die man beerdigt“ (S.Beckett, Der Namenlose 1953).

© WS 2014

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