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Wolfgang Sofsky
Walzer Nr. 12: Erich Kleiber dirigiert den „Donauwalzer“

Kalendarische Übergangsriten sehen häufig Zwischenphasen der  Ausgelassenheit, des Überschwangs, des Rauschs vor. In bürgerlichen Zeiten, die längst vergangen sind, war der Walzer ein Medium festlichen Übermuts, wenn die akzelerierte Drehung die Gesellschaft der Paare in einen leichten Schwindel versetzte. Johann Straußens „An der schönen blauen Donau“ ist wohl der bekannteste aller Walzer. Noch heute wird er beim alljährlichen Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker als vorletzte Zugabe gespielt. Anschließend hat der beschwingte Walzerrhythmus dem Radetzkymarschtakt zu weichen, womit der Alltag der Gesellschaft wieder beginnt.

1932 dirigierte Erich Kleiber, der Vater von Carlos Kleiber, die Berliner Staatskapelle. Kleiber war neben Bruno Walter, Otto Klemperer und Furtwängler seinerzeit der wichtigste Dirigent in Deutschland. Er hatte in jungen Jahren noch Gustav Mahler in Wien und Arthur Niekisch in Darmstadt erlebt. 1923 übernahm er die Leitung der Berliner Staatsoper unter den Linden, 1925 brachte er Alban Bergs „Wozzeck“ heraus, wofür er 34 Orchesterproben anberaumt hatte. Schrekers „Der singende Teufel wurde in dem prächtigen Knobelsdorffbau gleichfalls uraufgeführt, Janaceks „Jenufa“ erlebte unter Kleiber die deutsche Premiere. Kleiber war der Moderne verpflichtet. Als er 1934 Bergs „Symphonische Stücke“ aus „Lulu“ zur Uraufführung ansetzte, schrie ein Zuhörer aus dem Publikum „Heil Mozart“. Kleiber drehte sich um und rief in den Saal: „Sie irren sich; das Stück ist von Alban Berg!“ Anders als Furtwängler oder Gründgens war Kleiber immun gegen alle Avancen, die ihm die Nazis machten. Er verweigerte den Hitler-Gruß, im Januar 1935 kündigte er und verließ Deutschland. Göring, der auf den berühmten Dirigenten nicht verzichten wollte, sandte ihm ein Telegramm nach: „Kommen Sie zurück! Wir akzeptieren Ihre Bedingungen und zahlen Ihre Gage in Schweizer Franken auf ein Konto Ihrer Wahl.“ Kleibers Antwort: „In Ordnung, ich werde kommen, unter der einen Bedingung, daß ich bei meinem ersten Konzert ein reines Mendelssohn-Programm dirigieren kann.“ Kleiber reiste umher, gastierte in London, an der Scala, in Prag, schließlich wurde er Musikdirektor in Buenos Aires am Teatro Colón, dem führenden Opernhaus Lateinamerikas, und leitete dort das deutsche Repertoire.

Kleiber, der gebürtige Wiener und „wandernde Musikant“, war moralisch und musikalisch unbestechlich. Die Konfrontation mit der Macht wiederholte sich. Im April 1939 kündigte er den Vertrag mit der Mailänder Scala, nachdem das Regime Mussolinis Juden den Zutritt zur Oper verboten hatte. Musik sei für alle da, war sein Credo, wie die Sonne und die Luft. Als ihm in den 50er Jahren die DDR-Regierung erneut die Leitung der Staatsoper antrug, kam es zu einem letzten Eklat. Das zerstörte Opernhaus war großzügig restauriert worden, doch dann ließ die Kulturbürokratie in einem Anfall antimonarchistischer Korrektheit die Originalinschrift über Nacht entfernen: „Fridericus Rex Apollini et Musis“. Am 16.3.1955 erkärte Kleiber seinen Rücktritt. Er nahm den Vorfall als Vorzeichen, daß Politik und Propaganda erneut die Säle und Bühnen der Künste besetzen würden. Der Exilant Kleiber starb ein Jahr später in einem Zimmer des Grand Hotel Dolder in Zürich, am 27.Januar 1956, Mozarts 200. Geburtstag. Daß er eines natürlichen Todes gestorben sei, ist keineswegs verbürgt.

Kleiber galt als akribischer Musiker, der rigoros die Schlamperei der Tradition bekämpfte. Genaues Partiturstudium, gründliche Proben und straffe Disziplin schienen ihm unerläßlich. „Routine und Improvisation sind die Todfeinde der Kunst“, lautete sein Arbeitsmotto. Mit Klemperer teilte er den Sinn für Architektur und Proportion. Doch ebenso rühmte man seinen rythmischen Elan, seinen Klangsinn und sein untrügliches Gespür für Bögen und Phrasierung. Auch ein wehmütiger Ton für den Wiener Walzerklang war ihm nicht fremd. „Wo ich dirigiere, ist Wien“, sagte er einmal, wohl wissend, daß er seine Heimat für immer verloren hatte. Doch der Donauwalzer von 1932 hat nichts von der liebenswürdigen Geste der Ungenauigkeit, dem verwaschenen Rhythmus der verspäteten Romantik oder dem agogischen Schlendrian des Allzu-Populären. Kleiber, der „Modernist“, dirigiert prägnant, analytisch, streng, aber nicht „objektiv“. Manche Geste wirkt geradezu herrisch, doch es ist Konzentration, Formbewußtsein, Leidenschaft für die Musik. Man kann nicht sagen, daß dem Donauwalzer von Johann Strauß diese Spielweise abträglich wäre:
https://www.youtube.com/watch?v=2ZwY0SQn-fQ

© W.Sofsky 2014

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