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Wolfgang Sofsky
Religion, Terror, Organisationen

Folgende Organisationen, auf deren Konto hunderttausende Tote gehen, haben mit der Religion des Islam nichts zu tun:

Abdallah Azzam Brigades (AAB) (Libanon, Arabische Halbinsel)
Abu Sayyaf Group (ASG), Philippinen, Stärke: 400)
Al-Aqsa Martyrs Brigade (AAMB) (Gaza)
Al-Nusra (Syrien, offizieller Al-Quaida Ableger in Syrien, 7000)
Ansar al-Dine (AAD) (Nordmali, Südwestlybien)
Ansar al-Islam (AAI) (Nord- Zentralirak)
Ansar al-Scharia (Lybien, Tunesien)
Army of Islam (AOI) (Gaza)
Asbat al-Ansar (AAA) (Südlibanon, ca.2000)
Boko Haram (BH) (Nordnigeria, Nordkamerun, ca.9000)
Gama’a al-Islamiyya (IG) (Ägypten, Jemen, Frankreich, Deutschland etc.)
Groupe Islamique Armé (GIA) (Algerien, ca.250.000 Opfer)
Hamas (Gaza, Westbank)
Haqqani Network (HQN) (Pakistan/Afghanistan, 10.000)
Harakat ul-Jihad-i-Islami (HUJI) (Indien, Afghanistan, einige hundert)
Harakat ul-Jihad-i-Islami/Bangladesh (HUJI-B) (Indien, Bangladesh)
Harakat ul-Mujahideen (HUM) (Pakistan, Kaschmir, einige hundert)
Hizballah (Südlibanon, Beirut, Syrien, zehntausende Aktivisten)
Indian Mujahedeen (IM) (Indien, einige hundert)
Islamic Jihad Union (IJU) (Pakistan/Afghanistan, ca.200)
Islamic Movement of Uzbekistan (IMU) (Zentralasien, Iran, ca.300)
Islamic State (IS) (Irak, Syrien, Libanon, weltweit ca.30.000 Aktivisten)
Jama’atu Ansarul Muslimina Fi Biladis-Sudan (Ansaru) (Nordnigeria)
Jaish-e-Mohammed (JEM) (Kaschmir, Pakistan, Afghanistan, einige hundert)
Jemaah Ansharut Tauhid (JAT) (Malaysia, Philippinen, einige tausend)
Jemaah Islamiya (JI) (Indonesien, Philippinen, einige tausend)
Jundallah (Südostiran, Afghanistan, Belutschistan, ca.2000)
Kata’ib Hizballah (KH) (Irak, Bagdad, ca.400)
Lashkar e-Tayyiba (Pakistan, Südasien, einige tausend)
Lashkar i Jhangvi (LJ) (Pakistan, wenige hundert)
Libyan Islamic Fighting Group (LIFG) (nach Niederlage Südwestasien, UK)
Al-Mulathamun Battalion (AMB) (Mali, Niger, Algerien)
Palestine Islamic Jihad – Shaqaqi Faction (PIJ) (Gaza, weniger als 1000)
Popular Front for the Liberation of Palestine-General Command (PFLP-GC) (Syrien, Südlibanon, einige hundert)
Al-Qa’ida (AQ) (Pakistan, Irak, Syrien, Jemen, Somalia, Zellen weltweit, Stärke unbekannt)
Al-Qa’ida in the Arabian Peninsula (AQAP) (Jemen, ca.1000)
Al-Qa’ida in the Islamic Maghreb (AQIM) (Mali, Niger, Südlybien, unter 1000)
Al-Shabaab (AS) (Somalia, Kenia, einige 1000)
Tehrik-e Taliban Pakistan (TTP) (Pakistan, einige tausend)

Listen von Organisationen, die als terroristisch eingestuft werden, gibt es von der EU, den USA und anderen Nationen. Der Informationsstand ist sehr unterschiedlich, da viele Organisationen naturgemäß konspirativ agieren und gute Geheimdienste zwar viel wissen, aber nicht alles bekannt geben. Die in Klammern aufgeführte Zahl der Aktivisten sind alle Schätzzahlen, Zahlen über Sympathisanten, Gesinnungsgenossen etc. liegen nicht vor).

Es sollte deutlich sein, wie provinziell die Debatte um religiöse Hintergründe ist. Kein Bewohner Bagdads käme auf die Idee, daß der Anschlag eines sunnitischen Selbstmordattentäters dreihundert Meter weiter vor der Moschee nichts mit Religion zu tun hätte. Kein Bewohner Kairos würde behaupten, Muslimbrüder oder Attentäter von Gama’a al-Islamiyya seien keine religiösen Fanatiker. Kein Kurde, kein Yeside würde sich hinstellen und sagen, nein, die Mörderbanden des IS-„Kalifats“ hätten mit der Religion nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Anschläge in westlichen Metropolen erregen zwar höchste Aufmerksamkeit, sind jedoch – bislang – punktuelle Ereignisse, in anderen Weltregionen ist der islamistische Terror chronisch, und in manchen Gebieten wird ein kontinuierlicher Krieg geführt. Entsprechend divergiert das Organisationsniveau des militanten Islam. Es reicht von Einzeltätern, Schläferzellen, Kommandos, Netzwerken über Milizen, Clanarmeen bis zu regelrechten Armeen mit tausenden Gotteskriegern und staatsähnlichen Strukturen. Debatten um die unsichere Prävention von Attentaten betreffen lediglich das niedrigste Eskalationsniveau des globalen, multifokalen Terrorkriegs. Wortwechsel um „Sicherheit“, „Vorratsdatenspeicherung“ oder die Überwachung/Inhaftierung/Ausweisung mobiler Gotteskrieger (von Europa nach Syrien/Jemen und retour), sind von erstaunlicher Provinzialität. Es wäre nützlich, den militanten Islam als internationales Phänomen wahrzunehmen und als eine Art „totaler“ politischer und sozialer Tatsache, die eine gestaffelte, mehrdimensionale Strategie erfordert. Das Problem ist zu ernst, um es dem Innen- oder gar dem Justizministerium zu überlassen.

© W.Sofsky 2015

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