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Wolfgang Sofsky
Malatesta: Über die Regierung

MalatestaErrico Malatesta, der freundliche Anarchist, ist heute weithin unbekannt. Sein Leben glich einer Odyssee, überall suchte ihn die Polizei. Er lebte in Ancona, Ägypten, Genf, Rumänien, Paris, Florenz, Buenos Aires, auf der Haftinsel Lampedusa, in Malta, New Jersey und kehrte immer wieder nach London zurück. Als er nach dem Ersten Weltkrieg in seine Heimat reiste, sollen die Seeleute von Genua ihm zu Ehren die Arbeit eingestellt und alle im Hafen liegenden Schiffe ihre Sirenen betätigt haben. 1921 wurde er erneut verhaftet, mit einem Hungerstreik protestierte er gegen die Verzögerung seines Prozesses. Zwei Monate vor der faschistischen Machtübernahme ließ man ihn frei. Mussolini ließ den alten Mann – Malatesta war mittlerweile fast siebzig – ungeschoren. Er arbeitete in Rom als Elektriker, und so mancher römische Bourgeois soll sich entsetzt haben, wenn er erfuhr, daß die Leitungen in seiner Villa von dem „fürchterlichen“ Malatesta gelegt worden waren.

Malatesta war ebenso unbeugsam wie unbestechlich. Er träumte den Traum vom Endzustand umfassender Freiheit in Solidarität, doch teilte er weder die Hoffnung auf den syndikalistischen Generalstreik noch verfocht er die gewaltsame Propaganda der Tat, geschweige denn die autoritäre Vorhutpolitik einer kommunistischen Sekte oder Partei. Von der Eroberung des Staates durch Wahlen (Sozialdemokratie), Putsch (Leninismus) oder lange Märsche durch Institutionen bei unvermeidlicher Angleichung an dieselben hielt der erklärte Feind jeglicher Regierung nichts. Man muß die Illusionen des Anarchismus nicht teilen, aber niemand betreibt die Kritik der Macht unnachsichtiger als der Anarchismus. Hier einige Passagen zur Kritik der Regierung:

Drei Formen der Herrschaft
„Man unterjocht die Menschen auf zweierlei Art; entweder unmittelbar durch die rohe Kraft, die körperliche Gewalt; oder auf Umwegen, indem man ihnen alles wegnimmt, was sie zum Leben brauchen und sie so zur Ohnmacht verdammt. Die erste Art ist der Ursprung der Regierung, der politischen Macht überhaupt; die andere Art ist der Ursprung des Reichtums, der wirtschaftlichen Vorrechte. Es gibt zwar noch eine dritte Art, um die Menschen zu bedrücken; nämlich indem man ihren Verstand und ihre Gefühle unterdrückt. Das ist die religiöse, die priesterliche Herrschaft. Aber so wie der so genannte „Geist“ ein Ergebnis der materiellen Kräfte ist, so ist die Lüge, und die Institutionen, die den Zweck haben, die Lüge zu verbreiten, nur eine Folge der wirtschaftlichen Vorrechte, und ihr Zweck ist nur, diese Vorrechte zu schützen und zu befestigen.

Staatsaufgaben
Für uns ist die Regierung die Gesamtheit der Regierenden; und die Regierenden, Monarchen, Präsidenten, Minister, Abgeordnete u. s. w. sind diejenigen, die die Macht haben, Gesetze zu schaffen, um die Beziehungen der Menschen zu einander zu regeln, und die Macht haben, diese Gesetze vollziehen zu lassen; z. B.: Steuern auszuwerfen und einzutreiben; die Menschen zum Militärdienst zu zwingen; diejenigen, die gegen die Gesetze handeln, zu verurteilen und zu bestrafen; die privaten Vereinbarungen zu überwachen und gut zu heissen; einzelne Zweige der Produktion und der öffentlichen Dienstleistungen zu monopolisieren (z. B. Tabak, Salz; Eisenbahnen, Post und Telegraf u. s. w.) oder wenn sie wollen, die ganze Produktion und alle öffentlichen Dienste zu verstaatlichen, in die Hand zu nehmen; den Austausch der Produkte (den Handel) zu fördern oder zu beschränken; mit den Regierungen anderer Länder Krieg anzufangen oder Frieden zu schliessen; dem Volke das Wahlrecht zu gewähren oder zu entziehen — und dergleichen Dinge mehr. Die Regierenden sind also, mit einem Wort, diejenigen Menschen, die mehr oder weniger die Macht haben, die Kräfte die Gesellschaft, d.h. die körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Kräfte aller andern Menschen in ihre Dienste zu zwingen. In dieser Macht besteht das Prinzip der Regierung, das Prinzip der Herrschaft.

Privilegien
„Eine Regierung, d.h. eine gewisse Anzahl von Leuten, deren Aufgabe es ist, Gesetze zu machen, die gewohnt sind, sich der Kraft aller zu bedienen, um jeden zu zwingen, sie zu achten, bildet schon in und für sich selbst eine privilegierte Klasse, welche von der Masse des Volkes geschieden ist. Sie wird, wie jede fest begründete Körperschaft instinktiv danach trachten, ihre Machtbefugnisse zu erweitern, sich der Aufsicht des Volkes zu entziehen, ihre besonderen Bestrebungen zu verwirklichen und ihre eigenen Interessen den übrigen Menschen aufzuzwingen. Indem sie eine privilegierte Stellung einnimmt, befindet sich die Regierung im Gegensatz zur Masse des Volkes, dessen Kräfte sie täglich in Anspruch nimmt.“

Der Irrglaube an die Macht
„Die Regierung übernimmt es, das Leben der Staatsbürger mehr oder weniger gegen unmittelbare brutale Angriffe zu verteidigen. Sie anerkennt und legalisiert eine Anzahl von grundlegenden Rechten und Pflichten, von Gewohnheiten und Gebräuchen, ohne welche ein gesellschaftliches Leben unmöglich ist. Sie organisiert und leitet einige öffentliche Dienstleistungen, wie z. B. die Post, die Landstrassen, die öffentliche Gesundheit, die Wasserregulierung, den Forstschutz usw.; sie gründet Waisenhäuser und Spitäler und gibt sich gern den Anschein, daß sie die Beschützerin und Wohltäterin der Armen und Schwachen ist. Wenn wir es aber genauer betrachten, wie und warum sie diese Aufgaben erledigt, so beweisen die Tatsachen, daß alles was die Regierung tut, nur darum und deswegen getan wird, um zu herrschen, um die Vorrechte – ihre eigenen und diejenigen der Klasse, die sie vertritt und verteidigt — aufrecht zu erhalten, zu vermehren und zu verewigen.

Keine Regierung kann lange bestehen, ohne ihre wahre Natur unter dem Vorwand der allgemeinen Nützlichkeit zu verstecken; sie kann nicht das Leben der Bevorzugten beschützen, ohne daß sie sich den Anschein gibt, das Leben Aller beschützen zu wollen; sie kann nicht den Vorrechten Einzelner Geltung verschaffen, ohne Miene zu machen, das Recht von allen Menschen aufrecht zu erhalten.

Wider die freiwillige Knechtschaft
Wir sind gewohnt, unter einer Regierung zu leben, die alle Kräfte, alle Intelligenz, jeden Willen, den sie für ihre eigenen Zwecke benützen kann, in Beschlag nimmt, und alle jene, welche sie nicht braucht oder welche ihr feindlich sind, hindert, lähmt und unterdrückt — und wir bilden uns ein, daß Alles, was in der Gesellschaft geschieht, das Werk der Regierung ist und daß ohne Regierung weder die Gesellschaft noch die Kraft, die Intelligenz oder der gute Willen der Menschen weiterbestehen würde.

Was ist der Zweck der Regierung? Warum sollen wir zu Gunsten einiger Menschen unsere eigene Freiheit, unsere eigene Initiative aufgeben? Warum müssen wir ihnen die Möglichkeit geben, sich — mit oder ohne Willen der übrigen Menschen — der Kraft aller Anderen zu bemächtigen und über dieselbe nach eigenem Gutdünken zu verfügen? Sind sie denn so aussergewöhnlich begabt, dass sie, mit einigem Rechte, sich an die Stelle des ganzen Volkes setzen, und für die Interessen der übrigen Menschen besser sorgen könnten? Sind sie unfehlbar und moralisch nicht zu verderben, so dass man vernünftigerweise das Los eines Jeden ihrer Güte anvertrauen kann?“

© W.Sofsky 2015

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