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Wolfgang Sofsky
William Faulkner: Artistische Unbedingheit

In dem Paris Review Interview (1958) mit Jean Stein berichtet William Faulkner, damals bereits Nobel- und Pulitzerpreisträger, Weltreisender in Sachen Film und Literatur, Writer-in-Residence im heimischen Charlottesville und Interviews noch immer abgeneigt, da er dabei „ausfallend werde, sobald man ihm persönliche Fragen stelle“, von einigen Grundsätzen der Autorschaft.

„Der Künstler selbst zählt nicht. Nur was er schafft, ist der Rede wert, denn es gibt seit eh und je nur ein und dasselbe zu berichten auf dieser Welt: Shakespeare, Balzac und Homer – sie haben über ein und dasselbe geschrieben. Hätten sie ein- oder zweitausend Jahre länger gelebt, dann wären die Verleger nie in die Verlegenheit geraten, daß sie Jagd machen müssen auf neue Autoren…

Ich bin ein verpfuschtes Etwas von einem Dichter. Jeder Romancier träumt anfangs davon, Verse zu schreiben, merkt aber bald, daß er’s nicht kann, und versucht sich daraufhin an der Kurzgeschichte, dem nach der Lyrik anspruchsvollsten Genre. Wenn er auch darin versagt, dann erst läßt er sich mit dem Roman ein…

Keine Arbeit ist so gut, wie sie sein könnte. Der Schriftsteller muß seinen Traum stets ein wenig höher stellen, als er greifen kann. Es genügt nicht, nur seine Zeitgenossen oder Vorbilder übertreffen zu wollen! Man muß sich selbst übertreffen wollen. Der Künstler wird von Dämonen gejagt. Er weiß nicht, warum sie sich gerade ihn zum Opfer erkoren haben, und er hat auch keine Zeit, sich mit unbeantwortbaren Fragen herumzuschlagen. Er ist völlig amoralisch; jederzeit wäre er fähig, zum Räuber, Bettler oder Dieb zu werden, falls ihn das vorwärtsbrächte, einen Schritt näher heran an die Vollendung seines Werkes…

Der Schriftsteller ist nur einer Instanz Rechenschaft schuldig, und das ist sein Werk. Er wird, wenn er ein guter Schriftsteller ist, vollkommen rücksichtslos sein. Er ist von seinem Traum besessen. Dieses Trauma peinigt ihn dermaßen, daß er alles tut, um sich davon zu befreien. Er läßt nicht locker, bis er es geschafft hat. Alles geht dabei über Bord: Ehre, Stolz, Anstand, Sicherheit und Glück, alles; und zwar nur deshalb, weil sein Buch fertig werden muß…

Es gibt keine Lehre von der Mechanik des Schreibens, genausowenig wie es eine Flugverbindung zu Kunst gibt. Der junge Schriftsteller wäre ja ein Narr, wenn er sich zur Marionette einer Theorie erniedrigte. Man kann immer nur aus eigenen Fehlern lernen. Der Lehrer des Menschen heiß Irrtum. Ein guter Künstler lebt in der Überzeugung, niemand wäre so vollkommen, daß er sein, des Schriftstellers, Berater werden könnte. Wer als Künstler leben will, der muß eine besondere Art von Eitelkeit besitzen. Sosehr er auch den älteren Meister bewundert, er muß sich vornehmen, ihn zu übertreffen…

Die Bücher, die ich heute lese, sind alte Bekannte aus meinen jungen Jahren; bei ihnen kehrt man ein, wie man bei alten Freunden einkehrt: das Alte Testament, Dickens, Conrad, Cervantes´ Don Quijote (den und die Bibel, die beiden lese ich jedes Jahr). Dann Flaubert, Balzac (der ja eine ganze Welt in die Welt gesetzt hat, Organismen ein und desselben, zwanzig Bücher durchpulsenden Blutkreislaufs) und Dostojewski, Tolstoi, Shakespeare. Gelegentlich lese ich Melville, von den Lyrikern vor allem Marlowe, Campion, Jonson, Herrick, Donne, Keats und Shelley. Und Housman lese ich noch. Ich lese diese Bücher oft so, daß ich irgendwo anfange und irgendwo aufhöre. Ich lese vielleicht nur eine einzige Szene oder suche mir eine einzige Gestalt heraus, kurz, es ist dasselbe, als wenn man einen Freund trifft und sich einige Minuten mit ihm unterhält…

Der Künstler hat keine Zeit, sich mit Kritikern zu beschäftigen. Nur Möchtegern-Schriftsteller lesen Rezensionen. Wer selbst schreibt, der, hat gar keine Zeit für den Konsum von Rezensionen. Unter anderem versucht ja der Kritiker, den Romancier festzunageln. Was er tut, das tut er ja nicht für den Künstler und dessen Werk. Der Kritiker kann dem Künstler nicht das Wasser reichen, denn schreibt der Künstler, was den Kritiker bewegt, so schreibt der Kritiker nur, was alle Welt bewegt — mit Ausnahme des Künstlers…

Ich schreibe — und dazu brauche ich jede Minute! Was ich schreibe, das muß mir gefallen. Und wenn das der Fall ist, brauche ich ja nicht darüber zu reden. Gefällt es mir aber nicht, dann wird es auch durch Reden nicht besser; man kann es nur korrigieren, indem man weiter daran arbeitet. Ich bin nur ein bescheidener Schriftsteller und kein Literat. Fachsimpeleien sind für mich uninteressant.“

aus G.Haffmann (Hg.), Über William Faulkner, Zürich 1973

© WS 2015

 

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