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Hugo Ball
Das Gespenst

Gewöhnlich kommt es, wenn die Lichter brennen.
Es poltert mit den Tellern und den Tassen.
Auf roten Schuhen schlurrt es in den nassen
Geschwenkten Nächten und man hört sein Flennen.

Von Zeit zu Zeit scheint es umherzurennen
Mit Trumpf, Atout und ausgespielten Assen.
Auf Seil und Räder scheint es aufzupassen
Und ist an seinem Lärmen zu erkennen.

Es ist beschäftigt in der Gängelschwemme
Und hochweis weht dann seine erzene Haube,
Auf seinen Fingern zittern Hahnenkämme,

Mit schrillen Glocken kugelt es im Staube.
Dann reißen plötzlich alle wehen Dämme
Und aus der Kuckucksuhr tritt eine Taube.

Hugo Ball hatte die Verse schon früher schreiben wollen, doch war es dazu nicht gekommen. Im Januar 1924 verfaßte er das Gedicht als fünftes der sieben „Schizophrenen Sonette“, die er im Juli seinem Freund Hermann Hesse zum 47.Geburtstag schenkte. An jedem Abend hatte er ein Gedicht geschrieben, „den Tag über tat ich nicht so viel“. Ball war damals längst zum Katholizismus rekonvertiert und befaßte sich mit der Mystik, nicht zuletzt jener der frühen Wüstenväter.

Ball absolvierte ein bewegtes, avantgardistisches, antigermanisches Leben mit zahlreichen Kehrtwenden. So recht dingfest war dieser unstete Geist nie zu machen. Der Sohn eines Pirmasenser Schuhfabrikanten studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in München und Heidelberg und brach eine Dissertation über Nietzsche ab, weil ihm „der Wissensbetrieb… erstorben schien.“ 1910 lernte er die Schauspielerei – bei Max Reinhardt -, was ihm im Abschlußzeugnis die Bescheinigung einbrachte, daß er „als Hilfskraft für Regie, Dramaturgie und Verwaltungsfragen bestens empfohlen werden“ könne. Ball verhalf Wedeking zum Bühendurchbruch, war Dramaturg in Plauen und an den Münchener Kammerspielen. Mit Kandinsky plante er einen Almanach als Ergänzung zum „Blauen Reiter. 1914 meldete er sich freiwillig, wurde jedoch für „untauglich“ befunden; er schrieb Lyrik für Berliner Zeitschriften, gab mit Richard Huelsenbeck literarische Abende und widmete sich, nachdem er einen Freund im Kriegslazarett besucht hatte, dem Anarchismus, vorzugsweise den Schriften Bakunins und Kropotkins. Im Mai 1915 emigrierte er nach Zürich und trat als Dichter und Klavierbegleiter seiner Gefährtin und späteren Ehegattin Emmy Hennings auf . Ende Januar 1916 mieteten beide die “Meierei” in der Zürcher Spiegelgasse 1, um ein eigenes literarisches Kabarett zu gründen. Am 5. Februar 1916 wurde die “Künstlerkneipe Voltaire” eröffnet, die später in “Cabaret Voltaire” umbenannt wurde. Zunächst arbeitete Ball ohne festes Ensemble, bis sich schließlich Hans Arp, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Tristan Tzara hinzugesellten. Im Mai 1916 stand zum ersten Mal das Wort “Dada” im Programmheft, am 23. Juni trug Ball im Cabaret Voltaire seine Lautgedichte vor. Ein Jahr später zog er sich, nach Streitigkeiten mit Tzara zurück und und geißelte den „Dadaismus“ als Auswuchs der „schlimmsten Bourgeoisie“. Nach der Zertrümmerung des Tiefsinns der Worte leitete er den Berner Verlag der „Freien Zeitung“ und stritt in „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“ wortreich wider das preußisch – protestantische Pangermanentum seit Luther, Hegel, Bismarck, Marx u.a. Von 1920 an wohnte er, unterbrochen von Aufenthalten in Italien und Deutschland, meist im Tessin, arbeitete zum „Byzantinischen Christentum“, verfaßte eine Hesse-Biographie und eine Art Autobiographie namens „Die Flucht aus der Zeit“. 1927 starb er, 41jährig, an Magenkrebs.

© W.Sofsky 2015

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