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Wolfgang Sofsky
Dada-laika

henningsundBallAm 9.2.1916 erscheint in der „Neuen Zürcher Zeitung“, welche das Treiben in der Spiegelgasse 1 regelmäßig mit wohlwollender Aufmerksamkeit verfolgen wird, unter „Lokales“ eine Kritik des ersten Abends im „Club Voltaire“:

„Am Abend des 5.Februar fand die Eröffnung des neuen Künstlerkabaretts „Voltaire“ statt, das nach dem Vorbild des Münchner „Simplizissimus“ unter Leitung des früheren Dramaturgen der Münchner Kammerspiele, Herrn Ball, Zürich wiederum um eine interessante und unterhaltende Geistes- und Vergnügungsstätte bereichert. Das Programm des Abends bildeten in abwechselnder Reihenfolge Rezitationen von Voltaire, dem Patron des Kabaretts, Wedekind und anderen, vorgetragen durch Herrn Ball, sowie Vorträge von Liedern und Prosa ernster und heiterer Natur. Herr Ball, der auch aus eigenen Manuskripten vorlas, durfte ebenfalls der lebhaften Aufnahme seiner Dichtungen sich erfreuen. Eine angenehme und freudig begrüßte Abwechslung bildete das aus sechs russischen Herren bestehende Balalaika-Orchester mit Gitarrebegleitung, die ihren Vortrag in wirklich vorzüglicher Weise zur Geltung brachten. Reichen Beifall fand auch das von diesen Herren dargebrachte Solospiel. Die ungetrübte Freude der Anwesenden, die in lebhaftem Beifall der Vorträge Ausdruck fand, die animierte Stimmung bewies, daß das Kabarett dem Anfang nach zu schließen, eine gewisse künstlerische Höhe zu halten sich bestrebt.“

Neben Ball und den Balalaikisten traten an diesem Abend, dem Geburtstag von Dada Zürich, noch auf: Tristan Tzara, Verse älteren Stils aus den Rocktaschen zusammensuchend, Emmy Hennings, Lieder zur Laute singend, Riesa Helm, Lieder am Flügel darbietend, Paul Gloor, Rachmaninow und Saint-Saens spielend, sowie der „Revoluzzer Chor“. Zu sehen waren obendrein Werke von Hans Arp, der auch Zeichnungen von Picasso und Eli Nadelmann geliehen hatte), Otto Baumberger, Giacometti, Edwin Keller, Leu Leuppi, Konrad Meili, Oppenheimer, van Rees, Schlegel, Segal, Henry Wabel und Slodki, der bekanntlich das Plakat entworfen hatte. Täglich außer freitags sollten nun Veranstaltungen stattfinden, Einnahmen brachten zunächst nur die Garderobengebühren, dann auch Eintrittspreise.

Von den Lesungen des Literaturbetriebs, wie sie auch noch von den Expressionisten gepflegt wurden, unterschied sich das Nummerncabaret grundlegend. Die Rezitation war keine Interpretation eines heiligen Textes, sondern eine Bühneninszenierung mit Lichtdramaturgie, Requisiten, Improvisation, Vortragsperfomanz, zu der dann auch Masken, Puppen, Kostüme, Trommeln etc. gehörten. Ein Abend verknüpfte Literatur, Musik, Tanz, Skulptur, Bild zu einer Art „Gesamttheaterwerk“, dessen Ort die Bühne war. Darin bestand die erste ästhetische Innovation gegenüber dem etablierten Hochkultbetrieb.

© W.Sofsky 2016

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