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Wolfgang Sofsky
Richard Huelsenbeck: Ende der Welt

Soweit ist es nun tatsächlich mit dieser Welt gekommen
Auf den Telegraphenstangen sitzen die Kühe und spielen Schach
So melancholisch singt der Kakadu unter den Röcken der spanischen
Tänzerin wie ein Stabstrompeter und die Kanonen jammern
den ganzen Tag
Das ist die Landschaft in Lila von der Herr Mayer sprach als er das
Auge verlor
Nur mit der Feuerwehr ist die Nachtmahr aus dem Salon zu vertreiben
aber alle Schläuche sind entzwei
Ja ja Sonja da sehen Sie die Zelluliodpuppe als Wechselbalg an
und schreien: God save the king
Der ganze Monistenbund ist auf dem Dampfer „Meyerbeer“ versammelt
doch nur der Steuermann hat eine Ahnung vom hohen C
Ich ziehe den anatomischen Atlas aus meiner Zehe
ein ernsthaftes Studium beginnt
Habt ihr die Fische gesehen die im Cutaway vor der Opera stehen
schon zween Nächte und zween Tage?
Ach Ach Ihr großen Teufel – ach ach Ihr Imker und Platzkom-
mandanten
Wille wau wau wau Wille wo wo wo wer weiß heute nicht was unser
Vater Homer gedichtet hat
Ich halte den Krieg und den Frieden in meiner Toga aber ich ent-
scheide mich für den Cherry-Brandy flip
Heute weiß keiner ob er morgen gewesen ist
Mit dem Sargdeckel schlägt man den Takt dazu
Wenn doch nur einer den Mut hätte der Trambahn die Schwanzfedern
auszureißen es ist eine große Zeit
Die Zoologieprofessoren sammeln sich im Wiesengrund
Sie wehren den Regenbogen mit den Handtellern ab
Der große Magier legt die Tomaten auf seine Stirn
Füllest wieder Busch und Schloß
Pfeift der Rehbock hüpft das Roß
(Wer sollte da nicht blödsinnig werden)

 

Noch im Februar 1916 war der Medizinstudent Richard Huelsenbeck von Berlin nach Zürich gekommen und zu dem Kreis um Hugo Ball gestoßen. Am 26./27. Februar trat er zum ersten Mal im Cabaret Voltaire auf und trommelte seine Verse in Grund und Boden. Die Trommel war sein Rezitationsrequisit. Das Endzeitgedicht erschien zuerst im September 1916 in den „Phantastischen Gebeten“. Huelsenbeck vermied das Pathos expressionistischer Großstadt-Endzeit-Lyrik wie bei Georg Heym oder Jakob van Hoddis. Seine Verse waren ohne Sinn, ohne Zentrum und Ordnung, eine Posse ohne Bedeutung. Das Chaos der Welt spiegelt sich im Chaos der Bruchstücke, Bild- und Wortfetzen, Geräusche. Angesichts dessen kann jeder Dadaist nur mehr in schallendes Gelächter ausbrechen.

© W.Sofsky 2016

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