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Wolfgang Sofsky
Albert Ehrenstein: Unentrinnbar

Wer weiß, ob nicht
Leben Sterben ist,
Atem Erwürgung,
Sonne die Nacht?
Von den Eichen der Götter
Fallen die Früchte
Durch Schweine zum Kot,
Aus dem sich die Düfte
Der Rosen erheben
In entsetzlichem Kreislauf,
Leiche ist Keim,
Und Keim ist Pest.

Kurt Pinthus nahm 1919 dieses Gedicht, dessen erste Entwürfe auf das Jahr 1908 zurückgehen, in die Sammlung „Menschheitsdämmerung“ auf, dem Kompendium expressionistischer Lyrik. Oskar Kokoschka hatte seinen Freund für den Band portraitiert. Als Albert Ehrenstein nach zwei Schlaganfällen im April 1950 in einem NewYorker Armenhospiz starb, sammelten Freunde Geld, damit seine Urne nach England verschifft werden konnte. Am Grab auf dem Bromley Hill Cemetery sagte Kurt Pinthus: „Noch niemals vor ihm hat ein Dichter so viele so traurige Gedichte geschrieben, so ganz und gar erfüllt vom Leid der Welt, von Visionen des Grauens, vom Elend der Kreatur, von Düsterkeit und Bitternis.“

© W.Sofsky 2016

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