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Wolfgang Sofsky
Raoul Hausmann: Der deutsche Spießer

Andere Zeiten – andere Spießer? 1919, der Krieg war gerade verloren, die Revolution niedergeschlagen und in die Bahnen wohlanständiger Repräsentation vor den gütigen Augen Goethes und Schillers umgelenkt, 1919 mithin trug Raoul Hausmann, neben Huelsenbeck, Grosz, Heartfield, Franz Jung, Hannah Höch und Johannes Baader ein Oberdada in Berlin, eine Invektive gegen den deutschen Spießer vor, gegen die formvollendete Schmalzstullenseele, gegen den pathetischen Expressionismus, der mit seinen moralisch-ethischen Farcen dem europäischen Wurschtkessel enttaucht war, gegen das allgemeine Weltgedusel, die theosophischen Schweinsblasen, das hochtrabende Gerede allerorten. Und wo laufen sie, wo hocken und schreiben sie, die Deutschspießer heutzutage, im Kränzchen bei einem „guten Glas Rotwein“, vor der Kleinkunstbühne, im Pädagogenzimmer, verschreckt ob der Zeitläufte, zutiefst besorgt um ihre Gesundheit und sofort beleidigt, wenn ihre Illusionen zerplatzen, den leichten Seitenblick nicht zu vergessen, aufs gefüllte Pensionskonto. Sie würden sich ärgern wie ihre Vorfahren im Un“geist“, gäbe es, wie damals, hier und da ein paar Dadas oder Anti-Dadas, Frauen und Männer mit „Jagdschein“, der sie jeder Verantwortung enthebt?

„Und wir sind soweit Antidadaisten, als irgendeiner von uns noch etwas Schönes, Ästhetisches, ein sicher umgrenztes Wohlgefühlchen aufstellen will, wie die abstrakte Kunst etwa — daß wir ihm diese gut bestellte Stulle in den Dreck schlagen. Uns hat die Welt heute keinen tiefen Sinn, als den des unergründlichsten Unsinn, wir wollen nichts von Geist oder Kunst wissen. Die Wissenschaft ist albern — wahrscheinlich dreht sich heute noch Sonne um die Erde. Wir propagieren keine Ethik, die immer ideal (Schwindel) bleibt — aber wir wollen darum den Bürger nicht dulden, der seinen Geldsack über die Existenzmöglichkeit des Menschen gehängt hat, wie Geßler seinen Hut. Wir wünschen, die Ökonomie und die Sexualität vernünftig zu ordnen, und wir pfeifen auf die Kultur, die keine greifbare Sache war. Wir wünschen ihr ein Ende, und damit ein Ende dem Spießerdichter, dem Verfertiger der Ideale, die nur seine Exkremente waren. Wir wünschen die Welt bewegt und beweglich, Unruhe statt Ruhe, — fort mit den alten Stühlen, weg mit den Gefühlen und edlen Gesten! Wir sind Antidadaisten, weil für uns der Dadaist noch zu viel Gefühl und Ästhetik besitzt. Wir haben das Recht zu jeder Belustigung, sei es in Worten, in Formen, Farben, Geräuschen; dies alles aber ist ein herrlicher Blödsinn, den wir bewußt lieben und verfertigen, — eine ungeheure Ironie, wie das Leben selbst: die exakte Technik des endgültig ein-gesehenen Unsinns als Sinn der Welt!!! NIEDER MIT DEM DEUTSCHEN SPIESSER!“ (Raoul Hausmann, Heimatklänge! (1920))

© W.Sofsky 2016

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