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Wolfgang Sofsky
Kritik der Religion.
Dankrede zur Verleihung des Holbach-Preises am 20.9.2015 in Edenkoben

Meine Damen und Herren,

HolbachWer als erster einen Preis zu tragen hat, der des Barons Holbach gedenkt, hat einen seltenen Vorteil. Er hat das erste Wort und entgeht der Gefahr zu wiederholen, was frühere Laureaten über den freundlichen Aufklärer mit dem bösen Blick gesagt haben. Ein unermüdlicher Streiter war Holbach, wider Vorurteile, Illusionen und Selbsttäuschungen aller Art. Er hielt sich an das, was wir wissen, und mißtraute allem, woran wir nur glauben. Die Welt war für ihn die Summe aller Tatsachen, der Steine, Tiere, Menschen, der Körper am Himmel und auf Erden. Während man sich in deutschen Landen meist um Werte, Gemüt und Gesinnung sorgt, widmete sich Holbach dem irdischen Leben. Zur Enzyklopädie seines Freundes Denis Diderot steuerte er nicht nur hunderte Artikel zur Chemie, Biologie oder Mineralogie bei. Von Holbach stammen auch kritische Beiträge zur Theokratie und politischen Repräsentation, zum Aberglauben und zu Religionen fremder Völker.

Für einen Realisten sind Götter und Geister keineswegs bedeutungslos. Im Gegenteil: Woran Menschen glauben, was sie erfinden oder sich einbilden, ist in seinen Folgen stets real, wenn nicht fatal. Die Mythen und Kultriten, die Verklärung sinnlosen Leidens, die Paradiesträume und Höllenängste sind geschichtsmächtige Tatsachen. Holbachs Themen, das sind neben den Materien der Natur die Wirklichkeit der Macht und Moral, vor allem jedoch der Religion.

Trotz Aufklärung, trotz Säkularisierung ist die Kritik der Religion niemals abgeschlossen. Mit dem Verdacht des Priesterbetrugs ist die Angelegenheit nicht erledigt. Nicht selten will der Betrogene selbst betrogen werden. Holbach wußte genau, daß sich Religionskritik nicht in Kirchen-, Sekten- oder Predigerkritik erschöpft. Die Doktrin, die Dogmen, die Götter sind zu entzaubern, als historische Begebenheiten, als systematische Irrtümer.

Schon die Idee eines allmächtigen Schöpfers ist, wie man weiß, eine logische Unmöglichkeit. Kann ein omnipotenter Gott einen Felsen erschaffen, den niemand bewegen kann, also auch er selbst nicht? Vermag er einen solchen Felsen nicht zu erschaffen, ist er nicht allmächtig. Vermag er einen solch schweren Felsen indes zu erschaffen, kann ihn aber nicht von der Stelle rücken, ist er ebenfalls nicht allmächtig. Kann sich ein großmächtiger Gott in einen Zustand der Ohnmacht versetzen, kann er sich selbst auslöschen? Wie soll ein toter Gott allmächtig sein? In Fragen der Gottesexistenz mag man unentschieden sein. Was die kardinalen Eigenschaften angeht, ist das Ergebnis eindeutig. Allmächtig kann ein Gott ebensowenig sein wie allwissend und allgut.

Woher aber rührt der tiefe Wunsch nach Frömmigkeit, nach Hörigkeit, nach absolutem Sinn? Götter sind meist eine Erfindung menschlicher Angst. Nichts scheint gräßlicher als die Aussicht, alsbald nicht mehr da zu sein. So leben die Toten als Geister fort. Die Idee der unsterblichen Seele, so Holbach, hat eine organische Ursache. Sie entspringt dem Trieb der Selbsterhaltung. „Dieser Wunsch verwandelte sich gar bald in Gewißheit; und darin, daß die Natur uns den Wunsch, immer fortzudauern, eingeprägt hatte, glaubte man einen hinlänglichen Beweis zu finden, daß der Mensch nie aufhören werde fortzudauern.“ Wie jeder Philosoph, der den Namen verdient, lehrt Holbach ein rechtes Verhältnis zum eigenen Ende: „Sterben ist nichts weiter als aufhören zu denken und zu empfinden, zu genießen und zu leiden. Deine Ideen werden mit dir untergehen, und deine Schmerzen dir nicht ins Grab folgen. Denke an deinen Tod, nicht um… deinen Trübsinn zu nähren, sondern dich zu gewöhnen, ihm mit ruhigen Augen entgegen zu sehen, und dich gegen die leeren Schrecken zu sichern, welche die Feinde deiner Ruhe dir einzuflößen bemüht sind.“

Holbachs Lebenswerk ist eine Schule der Atheisten. Sein Pariser Salon war Treffpunkt für die freien Geister seiner Zeit. Auf der Gästeliste finden sich Laurence Sterne und Adam Smith, der Abbé Galiani, Diderot, der Historiker Edward Gibbon, Benjamin Franklin. Als David Hume, der große schottische Skeptiker, das Gastmahl des Barons zum ersten Mal besuchte, war er über den ungewohnt freimütigen Ton leicht schockiert. Er saß neben dem Gastgeber, als er der Runde mitteilte, er glaube nicht an die Existenz von Atheisten, da er noch nie einen getroffen habe. Holbach erwiderte prompt: „Monsieur, zählen Sie, wie viele von uns hier sind.“ Achtzehn Gäste waren anwesend. „Es ist ein guter Anfang, Ihnen sofort fünfzehn zeigen zu können. Die anderen drei haben sich noch nicht entschieden.“

Auf Atheismus stand im spätabsolutistischen Frankreich die Peitsche, das Beil, die Galeere oder die Bastille. Der fleißige Autor Holbach veröffentlichte viele seiner Bücher ohne oder unter falschem Namen. Seine erste Schrift „Das entschleierte Christentum“ wurde zuerst in Nancy, dann im freien Amsterdam gedruckt. In Strohballen versteckt oder in Heringsfässern mit doppeltem Boden gelangten die Bücher nach Paris. Obwohl es in Paris damals wie in einer Kloake roch, dürfte manchem Leser im Untergrund die Lektüre ziemlich gestunken haben. Sein Hauptwerk, das „System der Natur“, dieses Kompendium für ein Leben jenseits von Ignoranz, Angst und Unmündigkeit, wurde in handlichen Teilbänden aus Amsterdam zurückgeschmuggelt. So konnte man sie leichter verstecken. Als Autor firmierte ein verstorbener Akademiker. Die Maske eines Toten bewahrte den Baron vor den Häschern des alten Regimes.

Man sage nicht, daß Atheisten heutzutage besser gelitten seien. 225 Jahre nach Holbachs Tod sind die Fanatiker mitten unter uns. Sie werden nicht weniger. Es genügen ein paar Zeichnungen, ein Roman oder unliebsame Blogeinträge, und der Autor riskiert tausend Stockschläge – von Staats wegen -, ein weltweites Todesurteil, ein Blutbad. Die Wut der Gotteshüter scheint grenzenlos. Sie fühlen ihren Propheten durch eine Karikatur beleidigt, und bemerken nichts von ihrer gotteslästerlichen Anmaßung. Götter können durch Bilder oder Worte unmöglich verunglimpft werden. Nur wer seine Götter zu Menschen degradiert hat, kann überhaupt auf die Idee kommen, ihnen beispringen, sie rächen zu müssen.

Fanatismus und Gewalt verkleistern die Risse des Halbglaubens. Nicht in Buchstabentreue, nicht in beflissenem Gehorsam, nicht im Mausoleum wohlfeilen Trosts liegt das Fundament des Glaubens, sondern im Geschmack fürs Unsichtbare, im Widerfahrnis dessen, was Gläubige in Momenten der Ergriffenheit, der Verzückung, der Ekstase oder Offenbarung als heilig erleben. All dies sind zwar unvernünftige mentale Zustände, aber es gibt sie, und sie bedürfen der Erhellung, der Aufklärung.

Wem aber die Evidenz des Heiligen nicht zuteil wurde, muß sich mit Frömmigkeiten aus zweiter Hand begnügen. Der Halbgläubige kennt keine Kompromisse, er ist notorisch beleidigt. Dringend benötigt er die Zeremonie, die Stütze die Autorität – oder die direkte Aktion, die Macht der Gewalt. Wer sich selbst nicht ganz glaubt, tötet die Ungläubigen, in den Banktürmen, in Redaktionsbüros, im Schnellzug. Blut und Schmerz bezeugen ihm den Besitz vermeintlicher Wahrheit. Die Tötungsmacht beweist den Gotteskriegern, einem allmächtigen Gott anzuhängen. Gewalt verschafft tatsächlich jene Allmacht, die sie ihrem Idol andichten. Sie ist eine Art praktischer Gottesbeweis. Die Todesschwadrone des Glaubens führen heilige Kriege, verschleppen Sklavinnen, sprengen uralte Tempel in die Luft. Abermillionen Tote, Verstümmelte, Vertriebene gehen auf das Konto der Religionen, nicht zuletzt die Millionen, die zur Zeit vor den Religionskriegen aus Afrika und Asien nach Europa fliehen.

Ein aufgeklärter Atheismus rechnet heute nicht mehr mit einem Siegeszug der Vernunft. Der selbständige Gebrauch der Vernunft ist nicht jedermanns Sache. Die Gier nach den Opiaten der Verheißung, Erbauung und Erlösung scheint unersättlich. Man kann reden, soviel man will. Man bläst auf erloschenen Kohlen, auf denen sich kein Fünkchen Verstand entzündet. Die Sehnsucht nach Illusionen und Despotie ist durch Wissen, Argumente, Gegenbeweise nicht aus der Welt zu schaffen. Von einem Dialog der Religionen darf man ohnehin nur die gegenseitige Anerkennung aller Irrwege erwarten. Umso bedeutsamer ist das Prinzip der Religionsfreiheit. Holbach hielt die Freiheit des Willens und Handelns für eine Kopfgeburt. Doch nicht jede Bedingung, unter denen Menschen handeln, ist eine kausale Ursache, ein Zwang. Die Welt ist voller Alternativen, auch wenn manche sich gerne weismachen lassen, es gebe sie nicht.

Was besagt die Freiheit der Religion? Ein jeder darf denken, was er will, glauben, was er will, beten, zu wem er will. Jeder darf sich seinen Torheiten verschreiben. Klugheit ist nicht geboten, Einfalt nicht verboten. Jeder darf Unglaubwürdiges glauben, darf sich der Schwärmerei hingeben, sich mit Gleichgesinnten zu Kultfeiern treffen. Wo immer er seine Seligkeit zu erlangen hofft, kein Weg ist ihm versperrt. Allerdings erleidet das Individuum auf Dauer Schaden, wenn es die Pflichten gegen sich selbst mißachtet. Wer sich in Unmündigkeit einrichtet, verliert seine Urteilskraft. Wer sich vor Göttern zu Boden wirft, ergibt sich, um es mit einem alten, auch von Kant benutzten Ausdruck zu sagen, der Kriecherei.

In der Öffentlichkeit ist es mit dem privaten Illusionsglück vorbei. Gottesbilder prallen aufeinander, werden beargwöhnt, verlacht. Der Anfechtungen sind viele. In einer freien Gesellschaft gibt es keine Eintracht der Bekenntnisse. Sie ist ein unruhiges Terrain voller Kollisionen, Animositäten, Feindseligkeiten. Die Glaubensfreiheit des einen endet, wo jene des anderen beginnt. Niemand ist gehalten, einem frommen Ansinnen Glauben zu schenken und die Götter eines anderen zu verehren. Religionen sind nicht sakrosankt. Des einen Frömmigkeit ist dem anderen nichts als Bigotterie. Was der eine für heilig hält, ist für andere ein profaner Irrtum. Zum Schutz eines jeden heißt Freiheit der Religion zuallererst Freiheit von Religion.

Um den Religionskrieg zu beenden, hat der moderne Staat den Glauben zwar zur Privatsache erklärt. Dennoch strebt der Staat, dieser sterbliche Leviathan, selbst nach höheren Weihen. In Wahrheit ist seine Aufgabe höchst profan: Schutz der Freiheit und Sicherheit der Bürger. Hierzu hat er in Glaubensdingen neutral zu bleiben. Auf strikte Indifferenz hat er zu achten, in jeder öffentlichen Einrichtung. Bibel oder Koran sind als Lehrbücher nicht zugelassen. Die Schule ist die Schule der Nation, nicht der Religion.

Der gottlose Staat ist die Voraussetzung für religiöse Vielfalt – und Einfalt. Er bewahrt die Minderheiten vor der Hegemonie der Mehrheit, und er weist den Fanatismus in seine Schranken. Religionen wollen wachsen, wollen ihre Anhänger mehren, wollen sich die Erde untertan machen. Dieser imperialen Mission beugt der Staat vor. Indem er den Religionen die Waffen der Macht aus der Hand schlägt, schützt er die Strenggläubigen und die Ungläubigen, die Gleichgültigen, die Abtrünnigen, jene, denen das Hemd des Glaubens locker sitzt, und die Freigeister, die sich allein auf gottlose Vernunft stützen.

Der Baron starb im Januar 1789. Die Revolution stieß die Philosophen des Holbachschen Salons in den Strom des Vergessens. Sie waren für die Revolutionäre zu radikal. Die neue politische Religion, diese totalitäre Allianz von Tugend, Tod und Terror, hätte dem Seziermesser von Diderot und Holbach und ihren Freunden kaum standgehalten. Sie setzten auf Kritik, Wahrheit, Wissen, nicht auf Glauben und Gefühl, Macht und Mission. In Zeiten der Idole, der Eiferer, des korrekten Konformismus, des betulichen Kleinmuts bedarf es dringend radikaler Störenfriede. Sie streiten gegen jede Illusion, jede Macht.

© W.Sofsky 2015

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