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Wolfgang Sofsky
Jean Meslier: Blendwerk Religion

JeanMeslier

Tagsüber predigte er in seiner Landkirche in den Ardennen das, was die Gläubigen und Ungläubigen für Gottes Wort hielten. Beichten nahm er ab, Messen feierte er, Tote beerdigte er. Als er einmal dem örtlichen Grundherrn Hausverbot erteilte und von der Segnung mit Weihrauch und Weihwasser ausschloß, weil jener die hungernden Bauern statt zur Ernte zum Bau seines Schlößchens befohlen hatte, zitierte man ihn zum Erzbischof von Reims. Einen Monat lang hielt man ihn dort fest. Daraufhin schwieg er, schrieb aber nachts bei Kerzenlicht das erste Manifest des radikalen Atheismus: Das Mémoire des pensées et sentiments de Jean Meslier. Über 1000 Seiten umfaßt diese Religions- und Machtkritik. Als Form wählte er, was ihm am vertrautesten war: eine Reihe von Predigten: Die Existenz Gottes – Unsinn, logische Fehler zuhauf! Götter – eine menschliche Erfindung! Die Religion – Priesterbetrug, Volksverdummung! Das Paradies – ein leeres Versprechen! Die Hölle – ein Hirngespinst zur Einschüchterung! Könige, Adlige, Kleriker – Schmarotzer! Was tun? – Aufruhr, Revolution!

Meslier argumentiert und polemisiert. Die Kunst des verbalen Säbels läßt sich bei Meslier wohl studieren. Er denkt sowohl logisch, historisch und textimmanent. Vertraut mit dem heiligen Schrifttum, markiert er Inkonsistenzen, Widersprüche, unhaltbare Postulate, Legenden, Mythen, Märchen. Mit seltener Verve prangert er die sozialen Wirkungen religiösen Irrglaubens an.

Jean Mesliers „Mémoire“ kursierte nach seinem Tod 1729 im Samisdat von Paris. 1761 publizierte Voltaire eine stark deistisch frisierte Version, das „Testament“, das zwar den Antiklerikalismus Mesliers wiedergab, aber weder seine politische Machtkritik noch seinen theologisch geschulten Atheismus. Dieser attackierte nicht nur die Kirche und die Liturgie, sondern auch das Dogma. Für die gemäßigte Aufklärung eines Voltaire oder Rousseau war Meslier zu robust. Holbach und Diderot teilten zwar den radikalen Atheismus, nicht aber die jakobinische
Militanz Mesliers. Holbach veröffentlichte 1772 anonym eine Schrift, für die er zunächst den Namen Mesliers bemühte: Le bon Sens du Curé Meslier suivi de son testament. Anders als Voltaire fühlte er sich den atheistischen und gesellschaftskritischen Thesen Mesliers eng verbunden. Seinen Agraranarchismus bzw. -kommunismus war seine Sache jedoch nicht. So ließ er schließlich den Namen beiseite und das Buch hieß: Le bon sens ou Idées naturelles opposées aux idées surnaturelles.

Erst 1864 wurde Mesliers „Testament“ vollständig in Amsterdam veröffentlicht. Fritz Mauthner würdigte in „Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande“ die Schrift von Meslier, äußerte aber Zweifel an dessen Urheberschaft. Mittlerweile konnte die Authentizität der Manuskripte durch Handschriftvergleiche mit Mesliers Einträgen in den Kirchenbüchern von Etrépigny und Balaives und den handgeschriebenen Exemplaren des „Testaments“ in der Bibliothèque nationale nachgewiesen werden. Erst 1972 erschien die editorisch gesicherte französische Gesamtausgabe des „Testaments“, 1976 auszugsweise eine deutsche Übersetzung. Eine englische Übersetzung des kompletten Testaments folgte erst 2009. Hier eine Passage:

„Wißt also, meine lieben Freunde, wißt, daß all dies, was in der Welt als Gottesdienst und Andacht feilgeboten und praktiziert wird, nichts als Irrtum, Täuschung, Einbildung und Betrug ist; alle Gesetze, alle Vorschriften, die im Namen und mit der Autorität
Gottes oder der Götter erlassen werden, sind in Wahrheit nichts als menschliche Erfindungen, nicht weniger als alle diese schönen Schauspiele der Festlichkeiten und Meßopfer oder Gottesdienste und alle diese anderen abergläubischen Verrichtungen, die von Religion und Frömmigkeit den Göttern zu Ehren vorgeschrieben sind. Alle diese Dinge, sage ich Euch, sind nur menschliche Erfindungen, von schlauen und durchtriebenen Politikern erfunden, dann von lügnerischen Verführern und Betrügern gepflegt und vermehrt, schließlich von den Unwissenden blind übernommen und dann endlich aufrechterhalten und gutgeheißen durch die Gesetze der Fürsten und der Großen dieser Erde, die sich solch menschlicher Erfindungen bedient haben, um das Volk dadurch leichter im Zaum zu halten und mit ihm zu machen, was sie wollten.
Aber im Grunde sind alle diese Erfindungen nichts als Kälberhalfter, wie Montaigne sagte, denn sie dienen nur dazu, den Geist der unwissenden und einfachen Gemüter zu zügeln; die Weisen gängeln sich selbst damit bestimmt nicht und lassen sich dadurch auch nicht gängeln, weil in der Tat nur die unwissenden und einfachen Gemüter dazu fähig sind, so etwas Glauben zu schenken und sich dadurch führen zu lassen. Und was ich hier im allgemeinen über die Hohlheit und Falschheit der Religionen der Welt sage, trifft nicht nur auf die heidnischen und fremden Religionen zu, die Ihr bereits als falsch betrachtet, sondern es betrifft gleichfalls Eure christliche Religion, da sie in der Tat nicht weniger eitel noch weniger falsch ist als irgendeine andere, und ich würde sogar sagen, daß sie in einem Sinne noch unnützer und falscher ist als jede andere, weil es vielleicht überhaupt keine andere gibt, die in ihren Grundsätzen und ihren wichtigsten Lehren so lächerlich und so absurd ist wie diese, noch der Natur und dem gesunden Menschenverstand so zuwider. Dies ist es, was ich Euch, meine lieben Freunde, zu sagen habe, damit Ihr Euch nicht länger täuschen laßt durch die schönen Versprechungen, die man Euch über angebliche ewige Belohnungen in einem Paradies, das nur eingebildet ist, macht, und damit Ihr auch Euren Geist und Eure Herzen beruhigt über all die nichtigen Ängste, die man Euch wegen der angeblichen ewigen Strafen in einer Hölle, die es überhaupt nicht gibt, einjagt; denn alles was man Euch an Schönem und Erhabenem über das eine und an Furchtbarem und Schrecklichem über die andere erzählt, ist nichts als ein Märchen; nach dem Tode ist weder Gutes zu erhoffen, noch irgend etwas Böses zu fürchten; nutzt darum weise die Zeit, indem Ihr gut lebt, genießt, wenn Ihr könnt, maßvoll, friedlich und fröhlich die Gaben des Lebens
und Früchte Eurer Arbeit, denn dies allein ist Euer Teil und der beste, den Ihr ergreifen könnt, denn da der Tod das Leben beendet, setzt er auch jeder Erkenntnis und allem Gefühl für Gut und Böse ein Ende.“  (H. Krauss Hrsg: Das Testament des Abbé Meslier. Osnabrück 2005. S. 85 f.)

© WS 2016

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