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Wolfgang Sofsky
Denis Diderot: Ein Abend mit dem Faun

DenisDiderot

Am 10.Mai 1759 schreibt Denis Diderot an seine Geliebte und Geistesgefährtin Sophie Volland und berichtet von einem Diner in Marly, bei dem auch sein Freund Baron d´Holbach zugegen war:

„Wir speisten mit Appetit. Unser Baron, unserer wohlgemerkt, war von einer grenzenlosen Ausgelassenheit. Er ist originell im Benehmen wie in seinen Ideen. Denken Sie sich einen heiteren, witzigen, frivolen und nervigen Faun mitten zwischen einer Gruppe keuscher, weichlicher und zarter Gestalten, das war er unter uns. Er hätte meine Sophie weder verwirrt, noch beleidigt denn meine Sophie ist Mann oder Weib, wie es ihr gefällt. Er hätte auch meinen Freund Grimm (d.i. Friedrich Melchior Grimm, WS) weder beleidigt, noch verwirrt, denn er erlaubt der Phantasie ihre Launen und nur ein törichter Scherz mißfällt ihm. O wie wurde dieser Freund vermißt. Es waren holde Augenblicke, in denen unsere Seelen sich öffneten und wir die abwesenden Freunde schilderten und priesen. Wieviel Wärme im Ausdruck, in den Gefühlen und Gedanken! Welche Begeisterung! Wie glücklich waren wir, von ihnen zu sprechen, wären sie gewesen, uns zu hören. O mein Grimm, wer wird dir meine Reden wiederholen? Unser Diner war lang, ohne zu langweilen. Wir durchstreiften die Hügel. Ich beobachtete, daß die schönsten Wasserkünste die sind, die ohne Unterlaß fallen oder rinnen, und daß man nirgends solche angebracht hatte. Wir plauderten von Kunst, von Poesie, von Philosophie und Liebe; von der Größe und der Eitelkeit unserer Unternehmungen, von dem Unsterblichkeitsgefühl und wie es uns narrt; von den Menschen, den Göttern und Königen; von Raum und Zeit, vom Tode und vom Leben, es war ein Konzert, aus dessen Mitte die Stimme unseres Barons stets als Dissonanz hervorklang.“

© WS 2016

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