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Wolfgang Sofsky
Zur Logik des Monotheismus

Götterrat

Aus dem „Dialog der Religionen“ wurde folgende Konversation bekannt: Ein Muslim behauptet: „Allah“ ist der einzige Gott (z1). Ein Jude behauptet: „Jahwe“ ist der einzige Gott (z2); ein Zoroastrier behauptet: „Ahura Mazda“ ist der einzige Gott (z3); ein Christ sagt: wir sollten uns alle vertragen, deshalb: „Gott“ ist der einzige Gott (z4).

Jeder Religionsvertreter argumentiert aufgrund folgenden Arguments:
p: Es gibt nur einen einzigen Gott.
q: Allah (ersatzweise Jahwe, Ahura Mazda, Gott) ist ein Gott.
z: Also ist Allah (ersatzweise, Jahwe, Azura Mazda, Gott) der einzige Gott.

In der Struktur des Arguments und in der Prämisse p sind sich die Vertreter des Monotheismus einig. Strittig ist jedoch, wer überhaupt ein Gott ist (q), und umstritten ist daher auch, wer der einzige Gott sein soll (z). Der Christ sucht den Streit durch einen Trick zu lösen, indem er die verschiedenen Namen streicht und seinen Gott einfach „Gott“ nennt, den Gattungsbegriff, das Prädikat „Gott“ also mit dem Eigennamen „Gott“ in eins setzt. Besorgt um die Eintracht der Menschheit, sagt er: „Allah, Jahwe, Ahura Mazda, Gott sind ein und derselbe, nur der Name variiert. Aber was bedeuten Namen? Namen sind Schall und Rausch!“ Dieser Vorschlag traf der naturgemäß auf heftigen Widerspruch, da die Vertreter der anderen Religionen ja nicht nur behaupten, daß ihr jeweiliger Gott der einzige sei, sondern daß der jeweils andere, also Allah bzw. Jahwe, bzw. Ahura Mazda, bzw. Gott gar kein Gott, sondern ein Götze sei. Nur der eigene Gott sei ein richtiger, also der einzige Gott. Wie läßt sich dieser Disput, der mittlerweile Jahrtausende währt und Millionen Menschenleben gefordert hat, entscheiden?

Die erste Operation bei der Beurteilung von Argumenten ist die Prüfung der  Prämissen. Die monotheistische Grundthese p, es gebe nur einen einzigen Gott, läßt sich in folgender Weise formalisieren. Es gibt genau einen Gott = Es gibt mindestens ein Objekt, das einerseits G ist und für das gilt, daß alle anderen G mit diesem identisch sind: ∃x(G(x)∧∀y(G(y)→x=y)).

Diese These hält der Prüfung schwerlich stand. Unzählige Götter haben die Menschheitsgeschichte bevölkert, die nicht miteinander identisch waren:  ∃x(G(x)∧¬∀y(G(y)→x=y)). Manche sind längst tot, d.h. sie haben keine Anhänger mehr, die an sie glauben (z.B. Odin, Zeus, Horus oder Maat). Andere sind noch recht lebendig wie z.B. Vishnu, Shiva oder Durga, d.h. es gibt Anhänger, die an sie glauben. Versteht man Götter als historische Figuren des Glaubens und der Verehrung, so ist p eindeutig falsch.

Doch wird diese Prämisse auch häufig in einem postulativen Sinn mißverstanden, dergestalt: Es soll nur einen Gott geben, also gibt es nur einen Gott. Dieser Schluß vom Wunsch auf die Wirklichkeit ist ungültig. Er ist eine Art „postulativer Fehlschluß“. Seine logische Qualität ist ebenso irreführend wie folgender Fehlschluß: „Es soll Fische und Brote vom Himmel regnen, also regnen Fische und Brote vom Himmel.“

Schließlich steht mit der Prämisse p jedoch nicht nur die Singularität, sondern auch die Existenz von Göttern in Frage. Behauptet wird nämlich: Es gibt einen Gott und dieser Gott ist der einzige, andere Götter sind mit ihm identisch. Es gibt also einen Gott, alles andere, was es auch noch gibt, ist niemals Gott. Um jedoch einem Objekt das Prädikat „Gott“ zuzusprechen, muß man voraussetzen, daß es von jenem Objekt mindestens eins gibt. Man kann also die Einzigkeit eines Gottes G nur behaupten, wenn man voraussetzt, daß es ein x gibt, das die Eigenschaft G hat. Es ist jedoch durchaus zweifelhaft, in welchem Sinne es Götter überhaupt gibt, inwiefern der Existenzquantor überhaupt anwendbar ist. Im allgemeinen „existieren“ Götter nicht jenseits des Glaubens ihrer Anhänger. Sie sind keine Objekte der Entdeckung so wie Neutronen, Sternennebel oder chemische Formeln. Es ist bislang noch nicht bekannt geworden, daß Götter nur für sich existieren, ohne daß jemand sie bemerkt und an sie geglaubt hätte. Aber es ist ebensowenig wahr, daß aus der Tatsache, daß A glaubt, daß es G gibt, die Tatsache folgt, daß es G gibt: Auch in diesem Sinne ist p mithin falsch.

Ähnlich verhält es sich mit der Annahme (q): Jeder Dialogpartner bestreitet, daß es sich bei der jeweils anderen Gestalt überhaupt um einen Gott handelt. Jeder glaubt nur an seinen jeweiligen Gott. Aber aus dem Glauben folgt nicht, daß die jeweilige Gestalt ein Gott ist. Aus dem Satz: Der Muslim (Jude, Zoroastrier, Christ) glaubt, daß q (Allah, Jahwe etc.) ein Gott ist, folgt mitnichten, daß q. Deshalb tun Gläubige häufig so, als glaubten sie nicht, daß q, sondern als wüßten sie, daß q. Wenn A weiß, daß q, dann ist q der Fall. Wenn A glaubt, daß q, dann ist offen, ob q der Fall ist oder nicht. Kurzum: Die Wahrheit der Prämisse q ist nicht zu entscheiden.

Das aber heißt für die Konklusion und die Geltung des gesamten Arguments: Prämisse p ist falsch, Prämisse q ist unbestimmt, daraus folgt: die Konklusion z ist falsch. Weder Allah noch Jahwe, Ahura Mazda oder Gott ist der einzige Gott.

Ratlos wandten sich im Dialog der Religionen die Disputanten daher an einen Mann  aus den Bergen, der zufällig des Weges kam. Der sagte zu den versammelten Eingottgläubigen: „Versuchen Sie es doch einmal mit Vielgötterei, da haben Sie zumindest zwei wahre Prämissen: (Es gibt viele Götter) und (Einige Menschen glauben, daß Allah, Jahwe etc. ein Gott sei). Aber sie sparen sich die ebenso falsche wie überflüssige und obendrein lebensgefährliche Konklusion z.

© W.Sofsky 2016

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