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Wolfgang Sofsky
Diderot: Über die Unkenntis

Enzykl.

Im achten Band der Encyclopédie von 1765 findet sich ein Artikel von Denis Diderot über die Unkenntnis, das Nichtwissen („Ignorance, Métaphysique). Während gemeinhin darüber nachgedacht wird, wie wir zu Erkenntnissen gelangen, welche Bedingungen für gültiges Wissen erfüllt sein müssen, welche Strukturen das Wissen aufweist und wie es in der Gesellschaft verteilt ist, richten nur wenige ihr Augenmerk auf die Ursachen, Merkmale und Verfahren der Unkenntnis. Klügere Geister wissen zwar, daß sie nichts wissen, aber nicht immer wissen sie, was es heißt, etwas nicht zu wissen. Neugierige Geister setzen vieles daran, etwas in Erfahrung zu bringen, wovon sie zumindest wußten, daß es existiert. Manche machen dabei Entdeckungen von Sachverhalten, von denen sie überhaupt nicht wußten, daß sie davon nichts wußten. Diderot unterscheidet recht genau zwischen völliger Ahnungslosigkeit und unvollständiger Gedankenverknüpfung. Im ersten Fall besteht die Unkenntnis schlichtweg darin, daß man nicht einmal eine Ahnung davon hat, daß p der Fall ist. Im zweiten Fall, weiß man zwar, daß q der Fall ist, aber man weiß nicht, daß p, die Ursache von q, ebenfalls der Fall ist. So kann man sich keinen rechten Reim auf q machen und kein Urteil fällen dergestalt: Wenn p, dann q. Etwas ganz anderes ist die psychische Disposition der Denkfaulheit, die Menschen davon abhält, sich den Mühen der Gedankenarbeit zu unterziehen und sich aus dem Zustand selbstverschuldeter Ahnungslosigkeit herauszuführen. Diderot zeigt mithin zunächst, worin Unkenntnis besteht, und anschließend, wodurch sie verursacht ist.

„Die Unkenntnis besteht eigentlich in der Privation (Abwesenheit) der Idee von einer Sache oder in der Privation dessen, was zur Bildung eines Urteils über diese Sache dient. Manche definieren sie als »Privation oder Negation des Wissens«. Da das Wort »Wissen« aber in seiner genauen und philosophischen Bedeutung eine zuverlässige und bewiesene Kenntnis darstellt, so würde man eine unvollständige Definition der Unkenntnis geben, wenn man e auf das Fehlen zuverlässiger Kenntnisse beschränken wollte. Man ist doch nicht in Unkenntnis über unzählige Dinge, die man geht beweisen kann. Die Definition, die wir — nach Wolff — in  diesem Artikel geben, ist also exakter.

Wir sind in Unkenntnis  über eine Sache, wenn wir überhaupt keine Idee von ihr haben oder wenn wir uns gar kein Urteil über sie bilden können, obwohl wir schon irgendeine Idee von ihr haben. Wer zum Beispiel niemals eine Auster gesehen hat, ist in Unkenntnis über das Subjekt, das diesen Namen trägt. Derjenige, dem sich eine Auster zeigt, gewinnt zwar eine Idee von ihr, weiß aber noch nicht, welches Urteil er über sie fällen soll, und würde es nicht wagen, zu versichern, daß sie etwas Eßbares sei, geschweige denn ein köstliches Mahl. Weder die eigene Erfahrung noch die eines anderen liefern ihm, wenn niemand ihn über Austern unterrichtet hat, einen Anhaltspunkt für sein Urteil. Zwar kann er sich wohl vorstellen, daß die Auster gut schmeckt; aber dies ist eine Vermutung, ein Urteil aufs Geratewohl; nichts bürgt ihm vorerst für die Möglichkeit der Sache.

Die Ursachen unserer Unkenntnis liegen also : erstens in der Mangelhaftigkeit unserer Ideen; zweitens darin, daß wir den Zusammenhang der Ideen, die wir haben, nicht entdecken können; drittens darin, daß wir nicht genügend über unsere Ideen nachdenken. Wenn wir nämlich in erster Linie in Betracht ziehen, daß die Begriffe, die wir durch unsere Fähigkeiten bekommen, in keinem Verhältnis zu den Gegenständen selbst stehen, da wir keine klare und deutliche Idee von der Substanz selbst haben, die allem anderen zugrunde liegt: so erkenne wir leicht, warum wir nur selten zuverlässige Begriffe habe können…

Die Schwierigkeit, auf die wir stoßen, sobald wir den Zusammenhang unserer Ideen entdecken wollen, ist die zweite Ursache unserer Unkenntnis. Es ist uns unmöglich, die Idee von wahrnehmbaren Eigenschaften — eine Idee, die wir von den Körpern bekommen — irgendwie abzuleiten; es ist uns auch unmöglich, zu begreifen, daß der Gedanke eine Bewegung im Körper und der Körper wiederum den Gedanken im Geist hervorrufen kann. Wir können nicht ergründen, wie der Geist auf die Materie und wie die Materie auf den Geist wirkt; die Unzulänglichkeit unseres Verstandes kann den Zusammenhang dieser Ideen nicht entdecken, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als Zuflucht zu einem allmächtigen und allwissenden Agens zu nehmen, das durch Mittel wirkt, die unsere Unzulänglichkeit nicht ergründen kann.

Schließlich sind unsere Trägheit, unsere Nachlässigkeit und unsere Denkfaulheit ebenfalls Ursachen unserer Unkenntnis. Oft haben wir vollständige Ideen, deren Zusammenhang wir leicht entdecken könnten; aber wir unterlassen es, diese Ideen zu verfolgen und vermittelnde Ideen zu entdecken, die uns lehren könnten, was für eine Übereinstimmung oder Nichtübereinstimmung zwischen ihnen besteht, und verbleiben deshalb in unserer Unkenntnis. Nur diese Unkenntnis verdient Tadel, nicht her jene Unkenntnis, die dort anfängt, wo unsere Ideen aufhören. Sie braucht nichts Betrübliches für uns zu haben, weil wir uns so nehmen müssen, wie wir sind, und nicht so, wie wir unserer Einbildung nach sein könnten. Warum sollen wir Kenntnissen nachtrauern, die wir uns nicht verschaffen konnten und die wir zweifellos nicht unbedingt brauchen, da sie uns tzogen sind? Ebensogut, hat einer der hervorragendsten Denker unseres Jahrhunderts (Voltaire, WS) gesagt, könnte ich tiefbetrübt darüber sein, daß ich nicht vier Augen, vier Füße und zwei Flügel habe.“

© WS 2016

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