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Wolfgang Sofsky
F.A. Hayek: Kulturelle Macht – Ideenhändler Hayek

Im Frühjahr 1949 veröffentlichte Friedrich A. von Hayek in The University of Chicago Law Review einen Aufsatz über „Intellectuals and Socialism“. Diese kleine Studie befaßt sich u.a. mit der sozialen Gruppe, die zu den Hauptträgern kultureller und ideologischer Macht  zählt. Die Vermittler von Ideen, Überzeugungen, Vorstellungen, Glaubenssätzen, Einstellungen, kollektiven Sympathien und Antipathien müssen keineswegs nur sozialistische oder kommunistische Ideologien verbreiten, sie können auch die Popularisierung anderer Gedanken, Vorschriften, Meinungen, betreiben. Diese können einer wissenschaftichen, politischen oder moralischen Mode entsprungen sein, doch sie gewinnen ihre kognitive Verbindlichkeit durch den Grad ihrer gesellschaftlichen Verbreitung. Die prägende Gedankenmacht, die einstmals dem Klerus zukam, ist in moderneren Gesellschaften, so scheint es, auf diese Ideenhändlergruppe übergegangen. Der Grad des Dogmatismus ist jedoch ebenso vergleichbar wie die ungehaltene Wut, der diese Gruppe packt, sobald jemand ihre Machtposition auch nur beschreibt. Da sich in den Verlautbarungen dieser Trägergruppe kein originärer Gedanke findet, ist die Feststellung nicht falsch, daß sich ihr intellektuelles Leben vornehmlich aus zweiter, dritter oder vierter Hand speist.

„In allen demokratischen Ländern herrscht der starke Glaube vor, der Einfluss der Intellektuellen auf die Politik sei vernachlässigbar,… Dies ist ohne Zweifel wahr in Bezug auf die Macht der Intellektuellen, mit ihren momentanen speziellen Meinungen Entscheidungen zu beeinflussen, und in Bezug auf ihre Macht, das Wahlverhalten der Menschen dort zu beeinflussen, wo ihre Ansichten von denen der Massen abweichen. Und trotzdem hatten sie vermutlich nie einen größeren Einfluss über etwas längere Zeiträume, als sie es heute in diesen Ländern haben. Sie üben diese Macht aus, in dem sie die öffentliche Meinung beeinflussen…

Der Begriff “Intellektuelle” allerdings vermittelt nicht sofort ein wahres Bild der großen Klasse, die wir meinen, und die Tatsache, dass wir keinen besseren Namen haben, um diejenigen, die wir Händler von Ideen aus zweiter Hand genannt haben, zu bezeichnen, ist nicht der unwichtigste Grund, warum ihre Macht nicht verstanden wird. Selbst diejenigen, die den Begriff “Intellektueller” größtenteils als Schimpfwort verwenden, sind trotzdem geneigt, diese Bezeichnung vielen zu verweigern, die zweifellos diese charakteristische Tätigkeit leisten. Dies ist weder originäre Denkertätigkeit, noch Gelehrten- oder Expertentätigkeit auf dem Gebiet einer bestimmten Geisteswissenschaft. Der typische Intellektuelle muss keines von beidem sein: er muss weder spezielles Wissen auf irgendeinem bestimmten Gebiet besitzen, noch muss er besonders intelligent sein, um seine Rolle als Mittelsmann bei der Verbreitung von Ideen zu erfüllen. Was ihn für diese Arbeit qualifiziert, ist die breite Palette an Themen, über die er ohne weiteres reden und schreiben kann, und eine Position oder Gewohnheiten, durch die er früher mit neuen Ideen in Kontakt kommt als sein Publikum.

Es ist schwierig, sich klar zu machen, wie groß diese Klasse von Menschen ist, bis man anfängt, all die Berufe und Aktivitäten aufzulisten, die ihre Mitglieder ausüben; wie ihre Tätigkeitsbereiche sich in der modernen Gesellschaft ständig ausdehnen, und wie abhängig wir alle von ihnen geworden sind. Diese Klasse besteht nicht nur aus Journalisten, Lehrern, Geistlichen, Dozenten, Publizisten, Radioreportern, Belletristikautoren, Cartoonzeichnern und Künstlern (und Bloggern, WS), die alle Meister im Vermitteln von Ideen sein mögen, die aber normalerweise Amateure in Bezug auf die Substanz der Ideen sind, die sie vermitteln. Diese Klasse umfasst auch viele Fachleute und Techniker, wie Wissenschaftler und Ärzte, die durch ihren gewohnten Umgang mit dem geschriebenen Wort zu Trägern von Ideen außerhalb ihres eigenen Tätigkeitsbereichs werden, und denen wegen ihres Expertenwissens innerhalb ihres eigenen Berufes auch bei anderen Themen mit Respekt zugehört wird.

Es gibt wenig, was der normale Mensch von heute über Ereignisse oder Ideen nicht vermittels dieser Klasse von Menschen erfährt; und außerhalb unseres speziellen Berufsfeldes sind wir in dieser Hinsicht fast alle normale Menschen, was unsere Informationen und Anleitungen angeht; abhängig von denen, die es zu ihrem Beruf machen, sich immer über die neuesten Meinungen auf dem Laufenden zu halten. Es sind die Intellektuellen in diesem Sinne, die entscheiden, welche Ansichten und Meinungen uns erreichen dürfen, welche Fakten wichtig genug sind, uns mitgeteilt zu werden, und in welcher Form und von welchem Standpunkt aus sie uns präsentiert werden. Ob wir jemals von den Ergebnissen der Arbeit des Experten und des originären Denkers erfahren, hängt hauptsächlich von ihrer Entscheidung ab.

Die Verachtung, die der wahre Gelehrte oder Experte und der Mann der Praxis dem Intellektuellen oft entgegenbringen, überrascht nicht; auch nicht die Abneigung, seine Macht anzuerkennen und die Empörung, wenn sie sie entdecken. Sie finden, dass die Intellektuellen meistens Leute sind, die nichts wirklich gut verstehen und in deren Urteilen sie selbst wenig Anzeichen von Klugheit erkennen. Aber es wäre ein entscheidender Fehler, deswegen ihre Macht zu unterschätzen. Obwohl ihr Wissen oft nur oberflächlich und ihre Intelligenz beschränkt ist, ändert dies nichts daran, dass ihr Urteil vor allem die Ansichten prägt, nach denen die Gesellschaft in nicht allzu ferner Zukunft handeln wird. Ohne zu übertreiben kann man sagen: Der Prozess, durch den Ideen generell Akzeptanz gewinnen, wird nahezu automatisch und unaufhaltsam, sobald der aktivere Teil der Intellektuellen zu diesen Ideen bekehrt wurde. Diese Intellektuellen sind die Organe, die die moderne Gesellschaft entwickelt hat, um Wissen und Ideen zu verbreiten, und es sind ihre Überzeugungen und Meinungen, die als Sieb fungieren, durch das alle neuen Konzepte hindurch müssen, bevor sie die Massen erreichen können…

Es ist vielleicht das charakteristischste Merkmal des Intellektuellen, neue Ideen nicht nach ihrem Wert an sich zu beurteilen, sondern danach, ob sie zu seiner generellen Einstellung passen – zu seinem Bild der Welt, welches er als modern oder fortschrittlich betrachtet. Durch ihren Einfluss auf ihn und seine Meinungen zu bestimmten Themen wächst die Macht von Ideen zum Guten oder zum Schlechten proportional zu ihrer Allgemeingültigkeit, Abstraktheit, sogar ihrer Unbestimmtheit. Da er wenig von den speziellen Themen weiß, müssen seine Kriterien die Übereinstimmung mit seinen anderen Ansichten und ein nahtloses Einfügen in sein Weltbild sein. Dennoch schafft diese Auswahl aus der Vielzahl an neuen Ideen, denen er jederzeit begegnet, das Meinungsklima, die dominante Weltanschauung einer Epoche, welche manchen Meinungen mehr und anderen weniger wohlgesonnen ist, und welche den Intellektuellen dazu bringt, eine Schlussfolgerung sofort zu akzeptieren und eine andere zu verwerfen, ohne das Thema wirklich zu verstehen…

Das “Meinungsklima” jeder Epoche wird so im Wesentlichen durch sehr allgemeine vorgefasste Meinungen beeinflusst, anhand derer der Intellektuelle die Wichtigkeit neuer Fakten und Meinungen beurteilt. Diese vorgefassten Meinungen sind hauptsächlich Anwendungen dessen, was ihm als die wichtigsten Aspekte wissenschaftlichen Fortschritts erscheinen, ein Anwenden der Dinge auf andere Bereiche, die ihn in den Arbeiten von Spezialisten besonders beeindruckt haben. Man könnte eine lange Liste solcher intellektueller Moden und Schlagworte erstellen, die im Laufe von zwei oder drei Generationen nacheinander das Denken der Intellektuellen beeinflusst haben…

Nur scheinbar anders ist die Rolle der Intellektuellen, wo es um die Entwicklung besserer sozialer Ideen geht. Hier zeigen sich ihre seltsamen Neigungen im Äußern abstrakter Platitüden, im Rationalisieren und Zuspitzen gewisser Ambitionen, die ihren Ursprung in normalen menschlichen Interaktionen haben. Da Demokratie etwas Gutes ist, erscheint es ihnen um so besser, je weiter das demokratische Prinzip ausgedehnt werden kann. Die mächtigste dieser Ideen, die die politische Entwicklung in jüngster Zeit beeinflusst haben, ist natürlich das Ideal materieller Gleichheit. Es ist charakteristischerweise keine von den spontan entstandenen moralischen Überzeugungen, die zuerst in Beziehungen von bestimmten Individuen untereinander angewandt wurden, sondern eine intellektuelle Konstruktion, die ihren Ursprung im Abstrakten hat, und von zweifelhafter Anwendbarkeit in Einzelfällen ist. Trotzdem hatte diese Idee starken Einfluss auf politische Entscheidungen und übt einen ständigen Druck hin zu einer Sozialordnung, die noch niemand klar sieht. Dass eine bestimmte Maßnahme zu größerer Gleichheit führt, wird als so starkes Argument für sie betrachtet, dass wenig anderes bei ihrer Beurteilung berücksichtigt wird. Da es bei jeder konkreten Frage dieser eine Aspekt ist, bezüglich dem die Meinungsführer eine klare Überzeugung haben, hat das Gleichheitsideal den gesellschaftlichen Wandel sogar stärker beeinflusst, als es seine Fürsprecher beabsichtigt haben.“

Der vollständige Text ist auf der Seite des Ludwig von Mises- Instituts nachzulesen: http://www.misesde.org/?p=10613

© WS 2016

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