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Wolfgang Sofsky
Antonio Gramsci: Kulturelle Macht – Gehorsam im Konsens 

gramsci1935

Im November 1926 wurde der italienische Marxist und Mitbegründer des PCI von den Faschisten verhaftet, zu zwanzig Jahren, vier Monaten und fünf Tagen Gefängnis verurteilt und im Zuchthaus von Turi eingesperrt. Von 1929 an verfaßte er heimlich die  „Gefängnishefte“, sein opus magnum in Fragmenten mit philosophischen, politischen und parteistrategischen Überlegungen, die jedoch nicht für die Publikation gedacht waren. Darin finden sich auch einige Hinweise zum Verständnis „weicher“ Macht, die nicht mit Zwang und Gewalt operiert, sondern mit Kultur, Erziehung, Konsens. Gramsci verwendet häufig den Begriff der „Hegemonie“, um diese relativ stabile Formation zu charakterisieren, in denen es zwar immer wieder zu einem begrenzten Ausgleich von Interessen kommt, aber die Führung einer herrschenden Klasse oder Gruppe unangetastet bleibt. Sie kann im Zweifelsfall auf die Arsenale der harten Macht zurückgreifen, wenn der passive oder freiwillige Gehorsam aufgekündigt wird. Gramsci „kulturelle Hegemonie“ läßt sich unschwer als eine Form kultureller Herrschaftspraxis verstehen, einer Macht also, die für ihre „Führungspraktiken“ meist Gehorsam findet, gleichwohl im Falle von Widerspruch, Widerstreben oder Widerstand neben „harten“ auch kulturelle Maßnahmen der Repression einzusetzen vermag. Fehlender Widerstand ist schließlich kein Beweis für die Abwesenheit von Macht. Zur Entwicklung eines Konzeptes der kulturellen Macht bieten die „Gefängnishefte“ einige nützliche Anregungen.

„Ein anderer festzumachender und zu entwickelnder Punkt ist derjenige der „Doppelperspektive“ im politischen Handeln und im staatlichen Leben. Verschiedene Ebenen, auf  denen die Doppelperspektive auftreten kann, von den elementarsten bis zu den komplexesten, die sich  aber, entsprechend der tierischen und menschlichen Doppelnatur des Machiavellischen Zentauren, theoretisch auf zwei grundlegende Ebenen reduzieren lassen, des Zwangs und des Konsenses, der Autorität und der Hegemonie, der Gewalt und der Kultur, des individuellen Moments und des universellen (der „Kirche“ und des „Staates“), der Agitation und der Propaganda, der Taktik und der Strategie…“ (Band 7, Heft13, §14)

Nirgends wird die Funktionsweise kultureller Macht deutlicher als im Falle der Pädagogik: der Staat als der große Erzieher, das Bildungssystem als Erziehungsanstalt zur Einprägung der herrschenden Gedanken, die bekanntlich die Gedanken der jeweils Herrschenden sind. Dabei muß man gar nicht an Gehirnwäsche, Indoktrination, Dauerpropaganda denken. In der sozialen Wechselseitigkeit von „Lehrer“ und „Schüler“ vollzieht sich die kognitive, affektive und moralische Imprägnierung oft ganz unbemerkt:

„Dieses Problem kann und muß mit dem modernen Herangehen der pädagogischen Lehre und Praxis verglichen werden, der zufolge das Lehrer–Schüler-Verhältnis ein aktives Verhältnis wechselseitiger Beziehungen und deshalb jeder  Lehrer immer auch Schüler und jeder Schüler Lehrer ist. Aber das pädagogische Verhältnis kann nicht auf die spezifisch „schulischen“ Beziehungen eingegrenzt werden, durch welche die neuen Generationen in Kontakt mit den alten treten und deren historisch notwendige Erfahrungen und Werte aufnehmen, indem sie  eine eigene, geschichtlich und kulturell höhere Persönlichkeit „zur Reife bringen“ und  entwickeln. Dieses Verhältnis existiert in der ganzen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit und für jedes Individuum in bezug auf andere Individuen, zwischen intellektuellen und  nicht-intellektuellen Schichten, zwischen Regierenden und Regierten, zwischen Eliten und Anhängern, zwischen Führenden und Geführten, zwischen Avantgarden und dem Gros der Truppen. Jedes Verhältnis von „Hegemonie“ ist notwendigerweise ein pädagogisches Verhältnis und ergibt  sich nicht nur im Innern einer Nation, zwischen den verschiedenen Kräften, aus denen sie sich zusammensetzt, sondern auf der gesamten internationalen und globalen Ebene, zwischen nationalen und kontinentalen Zivilisationskomplexen.“ (B6, H10/II, §44)

Die Reichweite der kulturellen Macht ist keineswegs zu unterschätzen. Sie betrifft keineswegs nur die Ideen und Meinungen, sie dringt bis in den Gebrauch der Dinge ein: „Die Presse ist der dynamischste Teil dieser ideologischen Struktur, aber nicht der einzige: all das, was die öffentliche Meinung direkt oder indirekt beeinflußt oder beeinflussen kann, gehört zu ihr: die Bibliotheken, die Schulen, die Zirkel und Clubs unterschiedlicher Art, bis hin zur Architektur, zur Anlage der Straßen und zu den Namen derselben. Die Stellung, welche die Kirche in der modernen Gesellschaft bewahrt hat, ließe sich nicht erklären, wüßte man nichts von den täglichen und geduldigen Anstrengungen, die sie macht, um fortwährend ihren besonderen Abschnitt in dieser materiellen Struktur der Ideologie zu entwickeln.“ (B2,H3, §49)

Die willigen Exekutoren der kulturellen Hegemonie sind nicht zuletzt die Intellektuellen, die Händler und Vermittler der herrschenden Ideen. Sie stellen auch die Ankläger und Strafbataillone, falls Abweichler und Außenseiter den ideologischen Konsens dauerhaft aufkündigen sollten: „Die Intellektuellen sind die „Gehilfen“ der herrschenden Gruppe bei der Ausübung der subalternen Funktionen der gesellschaftlichen Hegemonie und der politischen Regierung, nämlich: 1. des „spontanen“ Konsenses, den die großen Massen der Bevölkerung der von der herrschenden grundlegenden Gruppe geprägten Ausrichtung des gesellschaftlichen Lebens geben, eines Konsenses, der „historisch“ aus dem Prestige (und folglich aus dem Vertrauen) hervorgeht, das der herrschenden Gruppe aus ihrer Stellung und ihrer Funktion in der Welt der Produktion erwächst; 2. des staatlichen Zwangsapparats, der „legal“ die Disziplin derjenigen Gruppen gewährleistet, die weder aktiv noch passiv „zustimmen“, der aber für die gesamte Gesellschaft in der Voraussicht von Krisenmomenten im Kommando und in der Führung, in denen der spontane Konsens schwindet, eingerichtet ist.“ (B7, H12, §1)
Zitate aus: Antonio Gramsci, Gefängnishefte, 10 Bände, Hamburg 1991-2002.

© W.S. 2016

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