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Romuald Lenski
Kulturelle Macht

Lenski

Läßt man die Machtbezirke des Gesellschaft einmal Revue passieren, dann erkennt man neben der Politik, der Wirtschaft, dem Militär, den Verbänden, Vereinen, Verwandtschaften, auch eine schwer faßbare, aber nicht minder bedeutungsvolle Sphäre, die des kollektiven Denkens, Wahrnehmens, Fühlens, der Ideen, des Geistes, der Kultur. Gewiß, man muß den Begriff der Kultur, der bekanntlich eine konfliktreiche Geschichte hinter sich hat, wegen seiner unscharfen Ränder mit Vorbehalt verwenden. Aber das, was wir kulturelle Macht nennen können, ist eine Macht eigener Art.

Diese Macht erstreckt sich erstens auf die Wahrnehmung und Erkenntnis der Welt. Sie  stellt verbindliche Begriffe, Kategorien, Konzepte, Theorien bereit, mit denen die Menschen ihre Empfindungen und Erfahrungen ordnen und ihnen Sinn verleihen. Die Organisation von Wissen und Bedeutung ist für das individuelle wie für das soziale Leben unentbehrlich. Diese Notwendigkeit bietet eine Machtchance. Wer die Konzepte bestimmt, ja, sie zu monopolisieren und als verbindlich durchzusetzen vermag, der hat Macht darüber, wie Menschen die Welt, die Natur, die Gesellschaft und sich selbst verstehen. Es ist unabdingbar, dieser Macht eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen.  Kulturelle Macht lenkt die Erfahrungen, sie liefert das Vokabular, regiert das Denken, Fühlen, Sprechen. Und sie sorgt dafür, daß aus Erlebnissen  Erfahrungen, aus flüchtigen Eindrücken dauerhafte Überzeugungen werden. So dringt diese Macht in den Geist der Menschen ein, in ihr Hirn.

Damit nicht genug. Man kann nicht sagen, kulturelle Macht sei nicht sichtbar, weil sie nur in den Köpfen und Herzen existiere. Sie betrifft nämlich zweitens auch die kollektiven Vorstellungen für das, was Menschen in ihren Verhältnissen für moralisch halten und was sie in ihrem Handeln befolgen sollen. Die Kontrolle der Normen, der Abmachungen und Regeln ist ein weiteres Feld der Macht. Weil Menschen aufeinander angewiesen sind, müssen sie ihre Verhältnisse regeln. Auch diese soziale Notwendigkeit bietet eine Machtchance. Wer darüber bestimmt, mittels welcher Regeln Menschen ihre Beziehungen ordnen, der erlangt Kontrolle über die gesellschaftliche Moral. Eine soziale Bewegung, Gruppe oder Institution, welche die Standards der kollektiven Moral festlegt, die Bestimmung der Normen monopolisiert, ihre Anwendung überwacht, abweichende Überzeugungen stigmatisiert und ahndet, eine solche Gruppe hat moralische Macht über andere.

Häufig nehmen die Konzepte der Erkenntnis und die Vorschriften der Moral den Charakter von Dogmen, von heiligen Glaubensüberzeugungen an. Man kann diese religiösen Überzeugungen durchaus als geistigen Zwang kennzeichnen, den sie auf die Gläubigen ausüben. Glaubenssätze dürfen nicht angezweifelt werden. Dogmen können die Form kosmologischer Mythen, moralischer Prinzipien, ideologischer Erzählungen, metaphysischer Spekulationen, politischer Ideen annehmen. Widerspruch gegen Dogmen gilt gemeinhin als Blasphemie, Häresie, Ketzertum und wird in der Regel bestraft, nicht selten durch den sozialen oder physischen Tod. Dies gilt keineswegs nur für ältere Religionen, es gilt auch für weltliche, für politische Religionen, für Ideologien des Staates und der Gesellschaft.

Ein vierter Bereich kultureller Macht betrifft die Objekte und Praktiken des Geschmacks, der Schicklichkeit, der Schönheit und Häßlichkeit. Menschen ordnen nicht nur Wissen und Moral, sondern auch ihren ästhetischen Geschmack. Wie sie sich bekleiden und was sie essen, was sie hören und singen, wie sie sich bewegen, wie sie tanzen, worüber sie die Nase rümpfen, was sie verachten, was Gefühle der Schönheit, Erhabenheit, des Wohlgefallens auslöst, dieser Sphäre der Imagination und Urteilskraft ist gleichfalls anfällig für Übergriffe, Vorschriften, Sanktionen. Welche Bilder, Wörter, Objekte, Symbole zu sehen und zu gebrauchen sind, welche verpönt oder verboten sind, all dies ist Gegenstand einer Macht, die darüber verfügt, wie Menschen die von ihnen selbst geschaffene Umwelt sinnlich erleben und bewerten.

Ist es nötig hervorzuheben, daß die kulturelle Macht nicht nur die Sinne, den Geist, die Ideen erfaßt? Zu Wissen und Glauben, Moral und Geschmack kommen die Praktiken des sozialen Kults, die Riten und Zeremonien. Gesellschaft regulieren nahezu sämtliche Bewegungen, die Übergänge des Lebenslaufs, des Statuswechsels, die räumlichen und zeitlichen Passagen, den Beginn und das Ende sozialer Zugehörigkeiten, den Wechsel vom Profanen zum Heiligen. Gesellschaften feiern sich selbst, inszenieren sich als Gemeinschaften, beschwören ihren Zusammenhalt, beten sich selbst an. Wer den sozialen Kult inszeniert, über die Dramaturgie und Liturgie bestimmt, wer die Werte proklamiert, die Propaganda verfaßt und verbreitet, das rituelle Verhalten überwacht, auch der hat kulturelle Macht. Er kann Verstöße drakonisch bestrafen, Rollen definieren, die Emotionen lenken, Fehler kennzeichnen, den rechten Vollzug der Riten überwachen.

Mit einem Wort: Wissen, Glauben, Moral, Geschmack und Kult, dies sind prima facie die Felder, auf die sich kulturelle Macht erstreckt. Damit ist nichts über die Machtgruppen, ihre Organisation, ihre Mittel, Methoden, Strategien gesagt. Man muß jedoch nicht annehmen, kulturelle Macht sei eine Frage des willentlichen Betrugs. Menschen sind nicht immer manipulierte Narren. Sogar die Betrüger halten den Betrug für wahr, schicklich, richtig, geboten. Oft haben beide Seiten, die Betrüger wie die Betrogenen, einen hohen Bedarf an Illusion, Torheit, Selbstbetrug. Schon dies ist ein unermeßlicher  Quell für die Entstehung kultureller Macht.

© R.Lenski 2016

(Romuald Lenski, Bratislava, ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts. Dieser Text stammt aus einem Vortrag, den er im August 2015 in Bressanone gehalten hat).

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