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Wolfgang Sofsky
Emile Durkheim: Zähe Illusionen

Emile-Durkheim

In seinem großen Werk über „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ versucht Emile Durkheim, einer der Gründerväter der modernen Soziologie und Ethnologie, aus der Dauerhaftigkeit der Religion auf ihre Glaubwürdigkeit zu schließen:

„Es ist nämlich unzulässig, daß Ideensysteme wie die Religionen, die in der Geschichte einen so bedeutenden Platz eingenommen haben und aus denen die Völker zu allen Zeiten die Energie geschöpft haben, die sie zum Leben brauchen, nur Illusionen sind. Heute erkennt man allgemein an, daß das Recht, die Moral, das wissenschaftliche Denken selbst aus der Religion gekommen sind, daß sie lange mit ihr vermischt waren und von ihrem Geist durchdrungen sind. Wie hätte ein eitles Traumgeflecht so stark und so dauerhaft das menschliche Bewußtsein beeinflussen können? Sicherlich sollte es ein Prinzip für die Religionswissenschaft sein, daß die Religion nichts ausdrückt, was nicht in der Natur existiert. Denn es gibt keine Wissenschaft, wenn sie nicht auf natürlichen Phänomenen beruht. Die Frage ist, aus welchem Bereich der Natur diese Wirklichkeiten stammen, und was den Menschen veranlaßt hat, sie sich in dieser einzigartigen Form, die dem religiösen Denken eigen ist, vorzustellen. Um diese Frage beantworten zu können, muß man zuerst zugeben, daß es sich um wirkliche Dinge handelt, die auf diese Weise dargestellt werden. Als die Philosophen des 18. Jahrhunderts aus der Religion einen ungeheuren Betrug der Priester gemacht haben, konnten sie wenigstens ihre Beständigkeit durch das Interesse erklären, das die Priesterkaste hätte, die Massen zu täuschen. Wenn aber die Völker selbst diese irrigen Ideensysteme erfunden haben, wie konnte sich dieser außerordentliche Irrtum durch die ganze Geschichte hindurch verewigen?“

Durkheims Argument ist aus mehreren Gründen unrichtig.
1. Aus der Tatsache, daß in vielen Gesellschaften Menschen einem religiösen Glauben anhängen, folgt mitnichten, daß es sich nicht um Illusionen handeln könne. Auch Hirngespinste können überaus zählebig sein. Jahrhunderte haben Menschen geglaubt, die Erde sei eine Scheibe. Es war ein Irrtum.
2. Gewiß befaßt sich eine Wissenschaft der Religion mit einem realen Gegenstand, der sozialen Tatsache nämlich, daß Kollektive religiöse Vorstellungen haben. Aber die Behauptung der Tatsache, daß Kollektive religiöse Vorstellungen haben, ist etwas ganz anderes als die Behauptung, daß jene Vorstellungen wahr seien. Wirklich ist die Existenz von Religionen. Das aber heißt nicht, daß sich der religiöse Glaube auf eine Wirklichkeit bezieht, auch wenn die Gläubigen eben dieses glauben. Wenn A glaubt, daß p der Fall ist, dann folgt daraus mitnichten, daß p der Fall ist. Eine Religionswissenschaft, die das Transzendente einklammert, wenn nicht eliminiert, kann sich sehr wohl mit Religionen befassen, die an ein Transzendentes glauben.
3. Es wäre obendrein methodisch fatal, würde der Religionswissenschaftler dasselbe glauben wie die Religion, die er untersucht. (Gebot des methodischen Atheismus)
4. Wäre Durkheims Hinweis richtig, dann wären viele Disziplinen unmöglich. Die Wissenschaftsgeschichte befaßt sich auch mit der Geschichte der Irttümer. Die Idee- und Ideologiegeschichte befaßt sich auch mit der Geschichte falscher Ideen und irreführender Ideologien. Die Psychiatrie hat es nicht zuletzt mit der Hartnäckigkeit chronischer Phantasien und Wahnvorstellungen zu tun.

Lehrreich an Durkheims Bemerkung ist hingegen zweierlei: 1. Man muß, was die Sphäre der Vorstellungen, Imaginationen, Überzeugungen und Phantasien anlangt, mit außerordentlicher Zählebigkeit rechnen. Die Langlebigkeit religiöser Vorstellungen beruht womöglich gerade darauf, daß sie Illusionen und als solche gegen Überprüfung immun sind. Der Realitätstest ist entweder untersagt oder er betrifft Sphären der Phantasie, in denen das für real gehalten wird, was als real phantasiert wird. 2. Die Kritik der Religion, der Macht und Illusion kann sich nicht mit der Kritik religiöser Dogmata begnügen. Sie muß deren Spuren in scheinbar säkularen System des Rechts, der Politik, der Moral, der Wissenschaft nachgehen. Die Kritik der Religion ist auch deswegen nicht abgeschlossen, weil die Religionen viele Spuren hinterlassen haben in Bereichen, die auf den ersten Blick mit Religion gar nichts zu tun zu haben scheinen.

© WS 2016

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