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Isabeau Prévost
Kulturelle Macht – Architektur

strasbourgharfe

Daß Gebäude, Siedlungs- oder Städtebau die soziale oder politische Macht ihrer Bauherren, Besitzer oder Bewohner zum Ausdruck bringen können, ist eine kulturhistorische Banalität. Daß die Errichtung von Mauern, Wänden, Räumen die Bewegungsfreiheit der Menschen beeinflussen, behindern, lenken etc., also physische Bewegungsmacht ausüben, liegt auf der Hand. Wer in einer Zelle eingesperrt ist, hat seine Freiheit eingebüßt. Weit schwerer zu verstehen ist dagegen die ästhetische Wirkungsweise von Architektur. Die Geschichte des Sakralbaus, der Burgen und Paläste, der Befestigungen, Plätze oder Avenuen ist auch eine Geschichte der Macht, und zwar nicht nur der Inszenierung, der Symbole oder der physischen Lenkung, sondern auch der sinnlichen und affektiven Überwältigung. Wie dies genau geschieht, jenseits eines milden Begriffs der Erhabenheit oder der Monumentalität, ist ziemlich unklar. Dazu bedarf es einer Anthropologie, welche so etwas wie  sinnliche Machtwirkungen zu verstehen erlaubt. Wer eine gotische Kathedrale betritt, ist überwältigt, von der Größe, der Höhe des Raums, dem Juwelenlicht, früher auch von den Farben, dem Gold und Blau überall, den Klang- und Akkordmassen, dem Strebewerk, usw. Natürlich geschieht diese Überwältigung nicht erst im Innenraum. Schon wenn man dem Portal, in Strasbourg mit der „Harfe“, zustrebt, sind Blick und Gemüt im Bann des Münsters. Die Baumeister und Bauhütten scheinen genau gewußt zu haben, wie man synästhetische Überwältigung erzeugt. Aber haben wir verstanden, wie sie tatsächlich wirkt?

(aus einem Brief von Isabeau Prévost, Strasbourg vom 29.3.16. Sie ist  korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts.)

© IP 2016

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