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Wolfgang Sofsky
Gabe, Schuld, Religion. Eine Spekulation

Massengebet

Niemand hatte seinerzeit die Götter um die Schöpfung gebeten. Die Gabe war freiwillig, wie die Stiftung der Kultur. Von Anbeginn steht die Menschheit in der Schuld von Mächten, die ihr die Welt bereitet und als Erbe hinterlassen haben. Diese Last des Anfangs ist niemals abzutragen, weder durch Gebete, Gehorsam oder Dankbarkeit noch durch das Opfer tierischen oder menschlichen Lebens. Nicht einmal das Blutopfer vermag die Schuld gegen die Götter zu tilgen. Die Menschen haben nichts Gleichwertiges einzutauschen. Was könnte die Gabe des Lebens, des Tods, der Welt vergelten? So sind die Menschen auf Gedeih und Verderb in Religionen verstrickt. Ist Religion etwas anderes als die unentwirrbare Bindungsschuld, welche die Menschen gegen die Götter haben? Jene sind die Schöpfer und  Eigentümer der Welt, ihrer Dinge und Güter. Sie existieren jenseits aller Wechselwirtschaft, jenseits aller Verträge und Tauschgeschäfte. Die Geister sind weder verpflichtet zu geben, noch sind sie angehalten, die Gaben der Menschen anzunehmen oder gar zu erwidern. Souveränität besteht nicht zuletzt darin, den Verpflichtungen des Tauschs enthoben zu sein. Dennoch versuchen wahrhaft Gläubige immerzu, endlich ihre Schulden zu begleichen – vergeblich. Streben sie gar nach einer Welt ohne Schuld, in der es keine Geister und keinen Urheber der Welt mehr gibt?

Die „Schöpfung“ schafft – wie jede Gabe – Macht, Verpflichtung, Bindung. Indem der Geber sein Werk an den Empfänger übergibt und mit ihm die Welt teilt, macht er ihn zu seinem Schuldner. Freigebigkeit, Abhängigkeit und Ungleichheit sind aufs Engste miteinander verknüpft. Die Gabe formt Gesellschaft, Ökonomie und Moral. Derjenige erwirbt Macht und Prestige, der sich freigebiger erweisen kann als jeder andere und der aus der Rivalität aller Wesen als Sieger hervorgeht. Wer vermag mehr zu geben als die Götter? Sie geben, um andere Wesen auszustechen, sie zu verschulden, ihres Gesichts zu berauben. Dank ihrer unermeßlichen Großzügigkeit stürzen die Götter die Menschen nicht nur in Schuld und Abhängigkeit, sondern in tiefste Scham. Beim Gebet neigen die Menschen das Haupt, sinken auf die Knie, werfen sich zu Boden. Denn sie wissen, ihrem Gegenüber, dem sie alles, auch sich selbst zu verdanken glauben, alles schuldig bleiben zu müssen.

© WS 2016

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