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Isabeau Prévost, Romuald Lenski, Wolfgang Sofsky
Freiwillige Knechtschaft. Themen der Aufklärung

Prévost

Am 5.4.2016 fand in Bad Kissingen ein Gespräch statt zwischen den korrespondierenden Mitgliedern des Holbach-Instituts Isabeau Prévost (IP, Strasbourg) und Romuald Lenki (RL, Bratislava) sowie Wolfgang Sofsky (WS, Göttingen). Gegenstand waren einige Themen der Aufklärung sowie einige Probleme der kulturellen Macht. Hier Auszüge aus der Konversation:

WS: Welchen Sinn hat es, heute an ein Programm der Aufklärung anzuknüpfen, für die ja nicht nur die Namen Holbach, Diderot oder LaMettrie stehen, sondern auch die klandestinen radikalen Aufklärer. Sie sind im Land von Lessing oder Kant kaum bekannt, und sie wären, wenn sie seinerzeit bekannt geworden wären, auch ziemlich unpopulär gewesen. Diese Aufklärung hat keinen Frieden  mit der Obrigkeit gemacht und sich auch nicht mit betulichem Agnostizismus begnügt. Aber welchen Sinn hat heute noch eine Religionskritik? Ist sie nach Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud noch immer Dreh- und Angelpunkt radikaler Aufklärung?

IP: Sagen wir so: sobald, wie in Deutschland, das Verhältnis von Staat und Kirchen unscharf ist und Kleriker eine führende Rolle im moralischen und politischen Diskurs beanspruchen, ist die Kritik der Religion zugleich eine Kritik an der dominanten politischen Ideologie. Wichtiger als die dogmatischen Überreste und die sozialen Kirchenruinen sind jedoch die säkularen Versatzstücke der alten Religion. Da ist weithin verbreitet eine merkwürdige Hoffnung auf Konsens, Versöhnung, Erlösung. Da sind zuhauf sentimentale Appelle an Mitleid, Nächstenliebe, unbedingten Pazifismus, da ist die Sehnsucht nach Gemeinschaften, nach rituellen Kollektiven, nach Eintracht. Die Glaubensgemeinde dient als Vorbild der Politik. Nicht umsonst gleichen sich politische Sonntagsreden und Predigten bis in Tonfall und Wortwahl. Da sind aber auch endzeitliche, geradezu apokalyptische Beschwörungen von Weltuntergängen, ein durch und durch christliches, wenn nicht messianisches Denkmotiv. Von der zur Zeit eigentümlichen Sympathie für andere Religionen und andere Spiritualitäten, einschließlich für esoterischen Obskurantismus einmal ganz abgesehen.

WS: Ein letzthin wiederaufgelegtes Pamphlet aus dem frühen 18.Jahrhundert über die drei Betrüger, also über Moses, Jesus, Mohammed, wird als akademische Editionsarbeit zu den Akten gelegt.  Würde sich aber jemand in einer Talkshow hinstellen und sagen, das sind die drei großen Betrüger, hagelte es offiziellen Protest, nicht zuletzt bei allen „Antiphobikern“. Als ob Religionen nicht tatsächlich zum Fürchten wären. Doch, was die Transformationen angeht: Motive der alten Religion finden sich nicht nur in totalitären politischen Ideologien, sondern auch in anderen politische und unpolitischen „Weltanschauungen“, nicht zuletzt in der Ideologie der Demokratie, die ja angeblich auf irgendwelchen Grundwerten beruht.

IP: Man muß aber fragen, inwieweit dies ein besonders deutsches Phänomen ist. In einer laizistischen Nation haben Kleriker weit weniger zu sagen, mit der protestantischen Innerlichkeit ist es auch nicht so weit her, der politische Streit ist ruppiger, Demokratie heißt nicht Eintracht, sondern Streit. Das Parlament ist nur der notdürftig gezähmte Bürgerkrieg. Aber es gibt dort eine andere große Gemeinschaft, die Nation, die Grand Nation.

Lenski

RL: Eine ziemlich religionsähnliche Idee. Die Nation hat ihre große Erzählung, ihre Legenden und Mythen, ihre affektive Bindung, ihre Helden, ihre Gläubigen, ihre Liturgie, ihre Opfer, ihr Mausoleum. Dies reicht weiter als jede neonationalistische Ideologie, es ist eine Religion der Nation, jenseits der Parteien.

WS: Es scheint aber einen Unterschied zu geben zwischen der Profanisierung und Umwidmung altreligiöser Versatzstücke und Motive und wirklichen politischen Religionen, welche die Altreligionen beerbt haben. Will man den Religionsbegriff nicht so aufblähen, daß er am Ende nichts mehr besagt, dann braucht man eine Idee, die nur für Religionen – ohnehin schon ein weites Feld – spezifisch ist. Wie wäre es mit dem Begriff des Heiligen, mit Praktiken der Verehrung, Unterwerfung, Vorstellungen von Unantastbarkeit, Unendlichkeit, Empfindungen von Schrecken, Erhabenheit usw.

IP: Dann ist die Frage: Was gilt heute als heilig? Der Fortschritt, das Wachstum, der Staat, die Demokratie, die Menschenrechte, die westlichen Werte, Europa? Das sind alles unpersönliche Ideen, das Heilige ohne Götter. Nachdem die Könige verschwunden sind, das gottgleiche Amtscharisma herabgestuft wurde, herrscht immer noch eine Art Staatsvergottung, die alle Herrschaftsformen überdauert und durchzieht. Der Etatismus als politische Religion: der Staat soll schützen, nähren, ordnen, orientieren, bilden, versöhnen, erlösen. Er soll Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit, Bruderliebe realisieren. Der Staat als Gemeinschaft und Gemeinde. Thomas Hobbes hätte nie zu denken gewagt, wofür dieser „sterbliche Gott“ alles gut sein soll. Es braucht gar keine Staatskirche, wenn der Staat selbst schon die Kirche ist.

WS: Nicht einmal den Aztekengöttern wurden so viele Blutopfer gebracht wie dem modernen Staat, wenn er seine Kriege führte.

RL: Das würde heißen, daß die alte Religionskritik überführt werden muß in Staatskritik. Aber das wäre nun doch eine Verengung, zumal die hohe Zeit des Staates vorbei zu sein scheint. Alle Welt beklagt die Ohnmacht des Staates gegenüber den Märkten, den Banken, der Ökonomie, den lokalen Kriegsherren, etc.

IP: So ist das, wenn Götter miteinander wetteifern und ein Monopolgott sich gegen andere Götzen behaupten will.

WS: Entscheidend scheint mir nicht zu sein, ob der Staat ein moderner Gott ist, sondern ob die Menschen daran glauben, er solle es sein. Es geht also um eine konstante Disposition, eine Bereitschaft, ja, ein Bedürfnis nach gottgleichen Personen, Institutionen, nach Bindungen, Abhängigkeiten, Autoritäten, um ein Bedürfnis nach Übermacht. Diese soll schützen, lenken, die Person einfügen in die Gemeinde; einen Sinn soll sie vermitteln, den Geist soll sie formen, und sie soll einen trösten. Schließlich will man zu dieser Macht guten Gewissens und guten Glaubens aufsehen und sich ihr unterwerfen können.

RL: Untertanengeist?

WS: Man muß sich hier nicht den altbekannten Kriecher vorstellen, der sich duckt und buckelt und sich vor dem Altar oder Gottesbild zu Boden wirft.  Der neue Untertan geht aufrechter, er hält sich bereits für gerecht und moralisch, er liebt das Gute, er ist schon halb erlöst. Aber er ist auf schwer erträgliche, weil selbstgerechte Weise Konformist, angepaßt an sein Milieu, angepaßt an die verstaatlichten Verhältnisse, auch wenn er stets die Attitüde des Nonkonformisten, des Originären, Originellen, Individuellen an den Tag legt. Doch halten wir fest: Ein bleibendes Thema heutiger Aufklärung sind die quasireligiösen Versatzstücke in kollektiven Mentalitäten, die Ersatzobjekte und –institutionen, die falsche Toleranz gegen religiöse Übergriffe, vor allem aber das, was La Boëtie einst die „freiwillige Knechtschaft“ genannt hat, die Unterwerfungsbereitschaft und deren Mechanismen. Aufklärung nicht zuletzt als Kritik der Sklavenmoral, und zwar von Sklaven, die gar nicht wissen, daß sie welche sind.

RL: Wobei nicht zu vergessen ist, daß der Untertanengeist aktiv befördert wird. Bevor die Polizei kommt und der öffentliche Pranger aufgestellt wird, sind die leisen Strategien der kulturellen Macht wirksam, Bildung, Indoktrination, Moral- und Geschmackskontrolle, der Kult des Heiligen. So plural sich die moderne Kultur geriert, die Vorschriften für die Lebensführung nehmen wieder zu, die Normen für die richtigen Gedanken, den richtigen Geschmack, die richtigen Werte, usw.

WS: Die Rede von kultureller Macht ist zwar nicht unüblich, aber haben wir bereits begriffen, um was es sich genau handelt? In den meisten Fällen wird ja wenig gedroht oder bestraft, wo regt sich manifester Widerstand? Oder ist diese weiche Macht schon so effektiv, daß Widerstreben gar nicht mehr gebrochen werden muß, da sie sich gar nichts mehr regt. Fast alles wird toleriert, Außenseitertum gilt als Gütesiegel von Kreativität, einen Kanon gibt es nicht. Es sieht so aus, als sei alles erlaubt.

RL: Das ist eine Illusion. Zwar ist diese Macht nicht so kompakt wie, sagen wir, die Kirche des Mittelalters. Die Gesellschaft ist differenzierter und heterogener als die Gesellschaft der Ständehierarchie. Die Kulturmacht durchdringt die Milieus in unterschiedlichem Maße. Aber, um ein simples Beispiel zu geben, das Vokabular der Rede, auch der privaten, soll reguliert, der ganze Schimpfklatsch überwacht und unterdrückt werden, im Internet, in der Schule, im Theater, im Parlament. Es gab selten Zeiten, da alles gesagt werden durfte. Doch seit einiger Zeit, so mein Eindruck, soll immer weniger gesagt werden dürfen. Das verkauft man dann als Fortschritt an Zivilisierung, obwohl es nur ein Rückschritt an Repression ist.

WS: So ähnlich redet die rechte Opposition auch, die zur Zeit gegen den Konsens der korrekten Demokratie rebelliert.

RL: Es ist völlig egal, wer was sagt. Entscheidend ist, ob es zutrifft. Jede Rebellion kämpft auch gegen die Sprache des alten Regimes. Das Problem ist, daß die Rebellion sofort eine neue Hegemonie zu errichten sucht, sei sie nationalistisch, ethnisch, heimatlich, spießig, partikularistisch oder universalistisch. Es ist zuletzt auch nur eine neue kulturelle Macht.

WS: Kein Unterschied in der Gültigkeit einer Kultur?

RL: Kulturelle Macht ist immer Freiheitsberaubung.

IP: Das liegt in der Natur von Macht, daß sie Freiheiten begrenzt. Aber, um ein älteres, unstrittiges Beispiel zu erwähnen: Die große Revolution demolierte vielerorts die Bauwerke der alten Macht, die großen Kathedralen, diese Wunderwerke der Architektur und Skulptur. Es war ein Bildersturm gegen die Monumente des Regimes, in dem Königtum und Religion aufs Engste verbunden waren. Natürlich ist es bedauerlich, was dabei alles unwiederbringlich zerstört wurde. Aber die Rebellen haßten die Religion, und sie haßten deren materielle Kultur, die steinernen Himmelsgebäude. Hier könnte man nun etwas genauer fragen, was für eine Art von Macht die kulturelle Macht ist.

WS: Es ist eine gemischte Macht. Neben der physischen Repression, die bis zur Vernichtung von Ungläubigen geht, gibt es die sanfte, durchdringende Wirkung der Autorität, des Glaubens und die sich in Stein, Glas, Schrift, Licht materialisierende Macht. Eine doppelte soziale Macht, die des Königtums und des Klerus ist hier materielle und ästhetische Macht geworden. Wir wissen nicht wie diese Macht funktioniert, aber die Bilderstürmer wußten genau, daß die Steine und Statuen keineswegs so unschuldig waren.

IP: Was die Revolutionäre ja nicht davon abgehalten hat, sogleich neue Liturgien, Glaubensdogmen zu erfinden, eine politische Religion der Revolution, mit terroristischen Folgen.

WS: Halten wir vorläufig fest. Zur Aufklärung gehört nicht zuletzt Aufklärung über den Religionshaß, der selbst eine quasireligiöse Form des Fanatismus annehmen kann. Doch ebenso gehört zu unserem Themenprogramm die Klärung der Wirkungsweise kultureller Macht. Religion ist ja nur ein, wenngleich ein historisch besonders prominenter und aktuell virulenter Fall von kultureller Macht. Sie beruht nicht zuletzt auf einer schier unerschöpflichen, unaufgeklärten Machtquelle, dem Bedürfnis nach freiwilliger Knechtschaft.

© IP, RL, WS

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