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Romuald Lenski
Kant oder Herder: Erhabene Architektur

Petrusdom

Welche Empfindungen erhabene Architektur auslösen kann und welche menschlichen Vermögen hierbei den Vorrang haben, die Imagination oder die Sinne, war Gegenstand einer Kontroverse. Kant, der den Petersdom selbst auch nie gesehen hat, notiert in der „Kritik der Urteilskraft“ (B89) über das Unvermögen der Einbildungskraft angesichts der Größe eines Objekts, die zur Idee des Erhabenen unerläßlich sei:

„Ebendasselbe kann auch hinreichen, die Bestürzung, oder Art von Verlegenheit, die, wie man erzählt, den Zuschauer in der St. Peterskiche in Rom beim ersten Eintritt anwandelt, zu erklären. Denn es ist hier ein Gefühl der Unangemessenheit seiner Einbildungskraft für die Idee eines Ganzen, um sie darzustellen, worin die Einbildungskraft ihr Maximum erreicht, und, bei dem Bestreben, es zu erweitern, in sich selbst zurücksinkt, dadurch aber in ein rührendes Wohlgefallen versetzt wird.“

Johann Gottfried Herder, den Jean Paul im übrigen in Weimar aufgesucht hatte, hatte auf seiner Italienreise die Kathedrale tatsächlich gesehen. Das Drama sinnlicher Überwältigung und limitierter Imagination ist ihm offenbar nicht widerfahren. Wie Jean Paul spricht er von der schrittweisen „Vergrößerung“ des Objekts. Aber nicht die flatternde Einbildungskraft erschafft das erhabene Objekt, dieses existiert unabhängig vom Betrachter, der vor ihm steht. Weil es keine Kreation der Imagination ist, löst das Erhabene auch keine bestürzte Verlegenheit aus. Kant zitierend, weist Herder die Einbildungskraft in ihre Schranken. Anfängliches Staunen weicht einem schrittweisen anschaulichen Begreifen, ohne Schrecken, ohne Überwältigung. Ordnung, Harmonie, Schönheit sind vereint, ohne Gefahr für das innere Gleichgewicht.

„Von dieser ‚Bestürzung und Verlegenheit, die aus einem Gefühl der Unangemessenheit unserer Einbildungskraft für die Idee des Ganzen, solches darzustellen, indem sie ihr Maximum erreicht und es doch erweitern will, und weil sie in sich zurücksinkt, ddurch in ein rührendes Wohlgefallen versetzt wird`, weiß der Beschauer der Peterskirche gerade am wenigsten. Vom Eintritt in die Säulengänge bis zur Schwelle des Tempels, vom Eintritt in diesen bis zum Hochaltar, vom heiligen Grabe bis zur Cuppole hinauf, durch alle Seitengänge, bei jedem Nebenaltar sind Schönheit, Ordnung und Harmonie in ihr so eurythmisch vereinigt, dass das Ganze in seiner Größe dasteht, fast ohne dass man seine wahre Größe ahnet. Mit jedem Schritt wird es größer, mit jedem mal, da wirs sehen, aufs neue größer; bei jedem Maximum, das hier gefunden und aufgestellt ist, das unsere Einbildungskraft also nicht willkürlich aus sich erschaffen darf, ruht sie erfüllt von Größe, und weiss von keinem Bestreben voll bestürzter Verlegenheit, das Vollständige noch größer zu machen, ein Maximum zu erweitern…  Das wahre Gefühl des Erhabenen kennt diese Unruhe nicht, es hebt und weitet sich mit dem Gegenstand, bis es ihn umfaßt. Nun ruhet es, wo nicht wie der Adler auf Jupiters Szepter, oder wie die ihn krönende Siegesgöttin, sowie eine der Gestalten am Fuße seines Thrones.“ (Herder, Kalligone, in: Sämtliche Werke, Bd.22, Berlin 1880, S. 252f.)

© RL 2016

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