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Wolfgang Sofsky
Schöpfungsglaube

Der fromme Ausruf, was muß das für ein Wesen sein, das das alles gemacht hat, ist nicht viel besser als der, was muß das für eine Schmiede sein, in der die Sonne fabriziert wurde. Schöpfungsglaube jedweder Art, sei er mono- oder polytheistisch, sei er von Geistern oder Göttern beseelt, geht von der Annahme aus, die Welt sei „gemacht“ worden und das Wesen, welche solches fabriziert habe, sei nicht nur imstande, ein Uhrwerk aus Gold zu machen, sonder auch Kontinentalplatten hin und her zu schieben oder neuronale Verknüpfungen in einem Rattenhirn herzustellen. Was immer auf der Welt geschieht, ist demnach Folge und Ergebnis von Handlungen. Ein großer homo faber hat die Welt hergestellt; sie ist nicht entstanden durch eine Verkettung von Ereignissen, Prozessen, Entwicklungen, sondern durch Wille und Handlung. Dieser simple Kategorienfehler überträgt die Sprache, mit der Menschen ihr eigenes Tun beschreiben und begründen, auf natürliche Vorgänge. Doch nicht nur die Natur, auch die Geselllschaft erscheint nach diesem Schöpfungsglauben als Gegenstand von Wille, Vorstellung und Tat, von Allmacht und Willkür. Nichts ist irreführender. Gesellschaftliche Entwicklungen entstehen, verlaufen und enden jenseits des Aktions- und Willensradius einzelner Personen und Institutionen. Die politische Staatsrhetorik jedoch träumt davon, Geschichte könne „gemacht“, Gesellschaften könnten „reformiert“,  „Integration“ könne hergestellt werden. So lebt der alte Schöpfungsglaube im modernen Staatsglauben weiter. Politische Utopien und Omnipotenzphantasien setzen den religiösen Irrglauben fort. In Wahrheit besteht die natürliche Welt aus gar keinen und die soziale Welt nur zum geringeren Teil aus Taten oder Entscheidungen.

© WS 2016

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