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Wolfgang Sofsky
Lichtenberg: Gedankenspiele

LichtenbergGB

Georg Christoph Lichtenberg, Sprößling eines pietistischen Pfarrhauses, soll gelegentlich gebetet haben und, was die Gottesfrage angeht, zuletzt unentschieden gewesen sein. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, Religion für eine Sonntags-Affaire zu halten, „fromme“ Prediger mit dem gebotenen Spott zu bedenken und auch sonst beim Nachdenken über den Glauben sein Niveau zu halten:

„Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, das heißt vermutlich der Mensch schuf Gott nach dem seinigen.“ (D198)

„Es ist ein großer Unterschied zwischen etwas glauben, und das Gegenteil nicht glauben können. Ich kann sehr oft etwas glauben, ohne es beweisen zu können, so wie ich etwas nicht glaube, ohne es widerlegen zu können. Die Seite, die ich nehme, wird nicht durch strikten Beweis, sondern durch das Übergewicht bestimmt.“ (I/73,1)

„Im Religionshaß liegt sicherlich etwas Wahres, also vermutlich etwas Nützliches. Ich wünschte sehr, man möchte dieses herausfinden. Unsere Philosophen sprechen vom Religionshaß als von etwas, das sich vielleicht wegraisonnieren ließe; das ist aber sicherlich nicht.“ (I78,4)

„So viel ist ausgemacht, die christliche Religion wird mehr von solchen Leuten verfochten, die ihr Brot von ihr haben, als solchen, die von ihrer Wahrheit überzeugt sind. Man muß hier nicht auf gedruckte Bücher sehen, das ist das Wenigste, die bekommen Tausende nicht zu lesen, sondern auf die Personen, die täglich an ihrer Aufrechterhaltung schnitzeln und stümpern, und auf Universitäten vom Freitische an dazu erzogen und verzogen werden.“ (II,192,1)

„Es gibt zwar viele rechtschaffene Christen, das ist gar keine Frage, so wie es überall und in allen Ständen gute Menschen gibt, allein so viel ist gewiß, in corpore und was sie als solches unternommen haben, ist nie viel wert gewesen.“ (J,341)

„Die meisten Glaubens-Lehrer verteidigen ihre Sätze, nicht weil sie von der Wahrheit derselben überzeugt sind, sondern weil sie die Wahrheit derselben einmal behauptet haben.“ (J502)

„Von Wahrsagen läßt sich´s wohl leben, aber nicht vom Wahrheit-Sagen.“ (J765)

„Erst müssen wir glauben, dann glauben wir.“ (I,200,4)

„Man kann nicht genug beherzigen, daß die Existenz eines Gottes, die Unsterblichkeit der Seele u.dergl. bloß gedenkbare, aber nicht erkennbare Dinge sind. Es sind Gedankenverbindungen, Gedankenspiele, denen nichts Objektives zu korrespondieren braucht…“ (I/81,2)

„Ich kann mir eine Zeit denken, welcher unsere religiösen Begriffe so sonderbar vorkommen werden als der unsrigen der Rittergeist.“ (II, 163,2)
(G.C.Lichtenberg, Sudelbücher)

© WS 2016

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