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Zoe Merck, Isabeau Prévost, Romuald Lenski, Wolfgang Sofsky
Kulturmacht

Am 24.4.2016 fand in Baden Baden ein zweites Symposium statt mit den korrespondierenden Mitgliedern des Holbach-Instituts Isabeau Prévost (IP, Strasbourg), Zoe Merck (ZM, Wolfenbüttel) und Romuald Lenki (RL, Bratislava) sowie Wolfgang Sofsky (WS, Göttingen). Gegenstand waren einige Fragen einer Theorie der kulturellen Macht. Hier Auszüge aus der Konversation:

WS: Wir hatten bei unserem letzten Treffen festgestellt, daß das, was wir mit einem vorläufigen Arbeitsbegriff „kulturelle Macht“ nennen wollen, eine Begrenzung von Freiheiten mit sich bringt, von Freiheiten des Denkens, Fühlens, Wissens, Glaubens und Tuns. Das ist die limitierende, die repressive Funktion dieser Macht. Zweitens hatten wir vermutet, daß kulturelle Macht ein Kompositum ist. Sie hat eine sanfte, nahezu unmerkliche Seite, und eine massive, handgreifliche, die bis zur Verfolgung und Vernichtung von Außenseitern oder Abtrünnigen reicht. Die sanften Einschränkungen mögen manchmal unbemerkt bleiben, die verletzenden Sanktionen sind selten ignorierbar. Zu erinnern ist auch an den Versuch von Lenski , die Objektbereiche dieser Macht zu charakterisieren: Kognition, Moral, Geschmack, Kult (vgl. Beitrag vom 31.3.16). Wichtig ist ferner, daß diese Macht nicht immer sozial unmittelbar ist, sondern indirekt wirksam sein kann, vermittels prägender, formativer Gegenstände und materieller Tatsachen wie Architektur, Technik, etc. Das könnte man die Sachlichkeit kultureller Macht nennen. Um nun einen Schritt weiterzukommen, sollte man zunächst noch einmal einen Schritt zurücktreten und klären, was an dieser Macht eigentlich Macht ist.

RL: Nun, nehmen wir einen klassischen Vorschlag: Danach ist Macht ein soziales Verhältnis, in welchem A die Chance hat, seinen Willen auch gegen den Widerstand B´s durchzusetzen. Das heißt, A ist überlegen und könnte, falls er auf Widerstand träfe, seinen Willen durchsetzen. Das heißt nicht, daß Widerstreben tatsächlich vorliegt. Wenn B tut, was A will, braucht A keinen Widerstand zu brechen. Vielleicht ist kulturelle Macht jene Machtform, die dafür sorgt, daß überhaupt kein Widerstreben aufkommt, daß A´s Macht also bereits in eine Art von Herrschaft transformiert ist.

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ZM: Das heißt, daß kulturelle Macht eine starke Tendenz zur Herrschaft hat, und zwar weniger durch Institutionalisierung, sondern durch ihre subkutane Wirkung, durch die Verinnerlichung der Macht, durch den Übergang von objektiver in subjektive Kultur. Kulturelle Sozialisation oder Integration ist also eine Hauptstraße dieser Macht. Aber wie kann man kulturelle Herrschaft unterscheiden von einem Konsens ohne Machtgefälle, von einem Einverständnis, ohne daß jemand überlegen oder abhängig ist?

RL: Macht oder Herrschaft schließen nicht aus, daß sich beide Seiten in manchen Interessen, Zielen, Methoden einig sind. In einer Herrschaft findet jedoch kein Konflikt zwischen konträren Zielen statt. Daß der Unterlegene auf die Verfolgung seiner Ziele verzichtet, heißt nicht, daß keine Herrschaft bestünde. Im Gegenteil: Er fügt sich, ist gehorsam, aus Angst, aus Gewohnheit, aus dem Glauben an die Berechtigung der Herrschaft oder – und hier wird es interessant – weil ihm gar nicht mehr in den Sinn kommt, daß er eigene Ziele haben könnte. Der Sinn für die Freiheit ist ebenso dahin wie der Sinn für Selbständigkeit. Kulturelle Macht setzt sich oft durch, ohne daß die Unterworfenen ihrer gewahr werden.

ZM: Ich möchte widersprechen. Kulturelle Macht ist häufig keineswegs konfliktfrei. Es gibt Deutungskonflikte, Auseinandersetzungen über die Grenzen des Diskurses, über das korrekte Vokabular, über die Schönheit, die Häßlichkeit, über den rechten Vollzug der Regeln, Konventionen, Rituale, über legitimes und verfemtes Wissen, über die Richtigkeit von Gefühlen usw.usw. Friedhofsruhe aufgrund unbemerkter Manipulation und Indoktrination scheint nicht die Regel zu sein. Der Machthaber wünscht sich zwar die selbstverständliche Gefolgschaft, den fraglosen Gehorsam, die Unterwerfung ohne Murren, doch die Unterlegenen murren, auch wenn sie folgen.

IP: Aber Murren ist kein Widerstand!

RL: Zweifellos. Aber wo beginnt die Aufkündigung des Gehorsams? Wenn B nicht mehr tut, was A von ihm will, wenn er bremst, die Ausführung des Befehls verschleppt, wenn er zwar tut, was er soll, aber an nichts mehr glaubt, hinhaltende Passivität, Mentalreserve, Rollendistanz, Eigensinn..?

Prévost

IP: Hoffentlich bemerkt das noch jemand! Der unbemerkten Widerstandskämpfer sind immer viele. Wenn´s opportun ist, also nichts kostet, finden sich oft emsige Gegner der bösen Macht. Alle waren sie in der Résistance, aber keiner hat sie dort je gesehen.

ZM: Wenn Gesten vermeintlicher Widerständigkeit zum guten Ton gehören, ist immer höchste Vorsicht geboten. Nehmen wir Autoren, deren Texte von der Kritik unisono gelobt werden, wie kritisch sie doch die Verhältnisse betrachten. Die Attitüde der Kritik, zumal der Gesellschaftskritik, scheint zeitweise zu den dominanten Kriterien der Kulturindustrie zu gehören. Gesinnungsgebot erfüllt, politisches Urteil vorhanden, genehm und genehmigt, Text zwar mäßig, all das ist eine Form des Konformismus. Kritik ist hier in Affirmation umgeschlagen, die Kulturmacht hat die die Geste der Verweigerung bereits eingemeindet, zum Teil ihrer selbst gemacht.

WS: Ein Zwischenruf: Wir kommen in Fragen der Macht naturgemäß rasch zu dem Problem der Opposition, der vielfältigen Weisen des Widerstrebens, hier also des „kulturellen“ Widerstrebens. All dies klingt so, als sei kulturelle Macht eher ein Kampfforum, ein Schlachtfeld des Glaubens, Meinens, Wissens und Tuns. Sollten wir nicht einfach zugestehen, daß das kulturelle Machtverhältnis diverse Formen annehmen kann. Da ist die kulturelle Herrschaft, die Macht ohne Konflikt, und da ist der andauernde Machtkonflikt, der Kampf um den Glauben, das Wissen, Denken und Reden. Wir haben also zwei Grundformen der Macht: Herrschaft und Konflikt, wobei, und das war die Ausgangsfrage, eine Seite dominant ist, d.h. Mittel zur Verfügung hat, um das, was sie will, letztlich durchzusetzen. Macht ist stets Durchsetzungsmacht, das Vermögen, sich gegen fremde Kräfte durchzusetzen, ob jene sich wehren oder nicht. Hält jedoch der Konflikt an, ohne daß eine Seite  gewinnen kann, dann liegt kein Machtverhältnis vor.

RL: Das ist absurd: Macht gibt es nicht nur dann, wenn einer gewonnen hat. Gewiß ist der Begriff eines „Gleichgewichts der Mächte“ Unsinn, es fehlt die für Machtverhältnisse konstitutive Asymmetrie der Chancen und Mittel. Ein Patt ist kein Machtverhältnis, sondern dessen Neutralisierung.

WS: Man kann begrifflich nicht von Macht reden, wenn zwei gleich Mächtige aufeinander losgehen. Wir haben dann einen Kampf um die Macht, einen unentschiedenen Streit.

IP: Vielleicht besteht der Vorteil einer offenen Gesellschaft darin, daß es immer beim Unentschieden bleibt, weil immer neue Parteien ins Spiel kommen und keine auf Dauer letztlich die Oberhand gewinnen kann.

Lenski

RL: Schön wär´s. Nehmen Sie den Meinungskampf in einer demokratischen Eliteherrschaft. Es gibt freie Presse, einige einflußreiche Leitorgane, Sendeanstalten, Oligopole des Meinungskampfs. Nun kann man beobachten, wie ähnlich sich diese Organe häufig sind. Die Meinungen gehen nicht sonderlich  weit auseinander. Und es gibt eine Praxis der Verfemung. Wer sich nicht in diesen Rahmen fügt, wer die Grenzen der Mitte nach links, rechts, oben oder unten überschreitet, wird sofort etikettiert, diskreditiert, abgestempelt. Es gibt ein elaboriertes Vokabular der Ausgrenzung, des Ausschlusses. Nicht jeder darf bei diesem geregelten Meinungsspiel mitspielen. Das nenne ich kulturelle Macht gegen Abweichung, und die Akteure bilden bei allem Wettbewerb untereinander eine dominante, große Meinungskoalition. Tauchen dann an den Rändern Exzentriker auf, Unruhestifter können das nur Extremisten oder Terroristen sein. Aus mittlerer Perspektive ist alles extremistisch, was nicht Mitte ist.

ZM: Diese Exzentriker sind jedoch häufig höchst unangenehme Gestalten.

RL: Das kann ja sein. Aber sind die Figuren in der Mitte angenehmer? Mir geht es darum, daß auch in „offenen“ oder demokratischen Herrschaftssystemen ein Bezirk definiert ist, in dem das offizielle Politik- und Kulturspiel stattfinden soll, ein Bereich, der überwacht, kontrolliert, sanktioniert ist, alles andere ist Stammtisch, schlechter Geschmack, ekelhaft, böse, dumm und was die Etiketten noch alle sind.

WS: Wir sind nun schon angelangt bei den Methoden der Macht. Dazu gehört auch der soziale Ausschluß, die Diskreditierung, die Ausgrenzung, der soziale und kulturelle Tod. Es erscheint sinnvoll,  zwischen Strukturen, also den Machtfigurationen, seien sie zur Herrschaft geronnen oder noch in einem andauerndem Konflikt ausgetragen, und den Prozessen, Methoden, Strategien zu unterscheiden. Daraus ergeben sich zahlreiche Forschungsfragen, die wir für heute protokollieren sollten: 1. Welche Figurationen sind typisch und elementar für kulturelle Macht? Hier sind ja nicht nur Machthaber am Werk, sondern eine Vielzahl von Handlangern, Gehilfen, Exekutoren: Lehrer, Schreiber, Baumeister, Priester, Propagandisten, Zensoren usw. 2. Wie verlaufen in diesem Machtfeld Konflikte? Wer markiert die Arena, wer darf teilnehmen, wer nicht? Wer verbündet sich, wer hilft wem, wer vollstreckt die Sanktionen, welche Ausweichmanöver gibt es, Tarnung, Flucht, etc. 3. Welche Formen der kulturellen Fügsamkeit und des Widerstrebens gibt es? Was denken und tun die Unterlegenen, bemerken sie überhaupt ihre Unterlegenheit? 4. Welche Methoden sind typisch für kulturelle Macht, wie operiert sie, durch Setzung von Daten, Sachen, durch Erzeugung von Emotionen, Indoktrination, durch „kulturelle Sozialisation“, also Gewöhnung, Verinnerlichung etc. 5. Aus welchen Quellen speist sich kulturelle Macht, wie entsteht aus Abhängigkeit und Alternativlosigkeit, aus der Verletzbarkeit des Menschen ein Machtverhältnis, und was heißt überhaupt „kulturell verletzbar“?

RL: Ich möchte noch einen Punkt anfügen, wir bewegen uns in der Diskussion ja noch ganz am Anfang. Wir sortieren Probleme, ohne daß eine Lösung in Sicht wäre. Was ich sagen will: Kulturelle Macht hat die Tendenz zu einer Art „innerer Macht“ zu werden. Sie wird Teil der Seele. Und sie wirkt im Dunkeln. Sie steuert Einstellungen, Überzeugungen, setzt Maßstäbe, liefert Sinn. Und sie beruht auf einem spezifischen Mangel des Menschen: seinem Bedürfnis nach Orientierung, Maß, Regel, Bedeutung. Das ist das Einfallstor kultureller Macht.

IP: Eine zweite Quelle dieser Macht scheint mir darin zu liegen, daß Menschen auf kulturelle Artefakte angewiesen sind. Sie benötigen Techniken, Gegenstände, Werkzeuge, Behausungen, Treffpunkte, vielleicht auch Idole und Fetische. Also ein zweites Einfallstor kultureller Macht.

ZM: Aller schlechten Dinge sind drei: Eine dritte, vielleicht etwas metaphysische Quelle könnte darin liegen, daß das menschliche Leben Formen benötigt. Das sind nicht nur Artefakte, soziale Regeln, sondern auch Denkmuster, Gefühls- und Geschmacksmuster. Menschen geben ihrem Leben eine Form, sie müssen dies tun, sonst würden sie im Chaos untergehen. Zumindest glauben sie das. Wer aber diese Formen prägen und durchzusetzen vermag, der hat kulturelle Macht.

WS: Damit sind wir bei einigen anthropologischen Bedingungen, welche die Bildung kultureller Macht begünstigen und auch die historische Konstanz dieser Machtform, so vielfältig sie sich zunächst darstellen mag, erklären kann. Solange Menschen Formen, Maßstäbe und Artefakte benötigen, solange sind sie gefährdet, in ein Machtfeld zu geraten, in dem sie ihre Freiheiten einbüßen.

© ZM, IP, RL, WS

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