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Wolfgang Sofsky
Sklaverei

Alle Männer und Frauen sind entweder frei, oder sie sind Sklaven. Sklave ist derjenige, welcher der Herrschaft eines anderen unterworfen ist. Er ist außerstande, aus eigenem Recht zu handeln. Einem fremden Willen unterworfen zu sein bedeutet, in Knechtschaft zu leben. Die Chance, über sein Eigentum, über den Ertrag seiner Arbeit, über seinen Körper, seinen Geist, sein Leben selbst zu verfügen, ist ihm genommen. Jede Person, jede Gruppe, jede Nation, die ihre Verfügungsgewalt über sich selbst aufgegeben hat, hat sich selbst in einen Zustand der Unterwürfigkeit versetzt.

Der Sklave denkt wie er soll; er glaubt, was er soll; er weiß nicht mehr als er soll; er fühlt, was er fühlen soll; und er tut, was er soll. Daß er nur ist, was ihm der fremde Wille gebietet, stößt ihm nur selten auf. Manchmal ahnt er, er könnte auch anders sein. Keineswegs läuft der Sklave nur geduckt umher, er blickt geradeaus, aber er sieht nichts. Er geht zügig voran, aber er kommt immer nur an, wo er schon war. Er übt sich im aufrechten Gang, weil man ihm gerade Haltung auferlegt hat. Er solle sich seine eigenen Gedanken machen, hat man ihm gesagt, nicht auf Anweisungen warten, sondern selbst beginnen. Er solle selbst entscheiden, hat man ihm gleichfalls gesagt, schließlich bestehe das Leben aus zahllosen Entscheidungen. Doch er entscheidet er sich stets für das, wozu er sich immer schon entschieden hat. Er könne sein Los verbessern, wenn er emsig und fleißig sei, hat man ihm gesagt, wenn er tue, was er soll, ohne daß man ihm sagen müsse, was er soll. So nimmt er den fremden Willen vorweg. Der Herr muß nichts mehr sagen. Der Sklave wagt nichts, er erduldet alles. Er hofft, daß man für ihn sorgt und nimmt jede Enttäuschung hin.

Sklaverei ist ein gesellschaftlicher Status, ihm entspricht die formierte Person, welche die Unterlegenheit im Habitus der Unterwürfigkeit verinnerlicht hat. Diese Haltung dauert fort, selbst wenn die Fesseln gelockert sind.

© WS 2016

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