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Isabeau Prévost
Barnett Newman: Farbzwang

Newman

1951 stellte Barnett Newman in New York das Bild vir heroicus sublimis aus, eine rote Fläche von 2,42 Meter Höhe und 5,42 Meter Breite, unterbrochen von fünf schmalen, vertikalen Streifen. Diese Reißverschlüsse (Zips) inmitten der endlosen Fläche bieten den einzigen visuellen Haltepunkt. Auf horizontale Linien hat Newman verzichtet, es gibt kein Verhältnis von Senkrechten und Waagrechten, keine Beziehung auf eine Bedeutung jenseits der roten Fläche. Auf dem Bild ist nichts zu sehen außer der Fläche und den Streifen. Am Eingang der Ausstellung hatte Newman ein Schild angebracht, das den Besucher aufforderte, die Bilder aus unmittelbarer Nähe zu betrachten. Sie sollten davon abgehalten werden, sich das Bild aus Distanz anzusehen, die Ränder zu überschreiten und womöglich die Gliederung der Farbfelder durch die Streifen nachzurechnen. Abstand war unerwünscht. Das Farbfeld sollte keinen Ausweg lassen, sollte den Betrachter regelrecht aufsaugen. Zu interpretieren gab es angesichts des Bildes ohnehin nichts, es sei denn, jemand wollte über das Verhältnis von Linien und Oberfläche philosophieren. Auch kann man darüber nachdenken, ob es zu der Tiefenwirkung des Bildes gehört, den Betrachter auf der Sinnsuche scheitern zu lassen, seine semantische Begierde zu enttäuschen oder etwas Undarstellbares zur Darstellung zu bringen, obwohl ein Bild, das nichts darstellt, natürlich auch keine Darstellung sein kann. Es ist, kurz gesagt, nichts dahinter. newman1Soll also der Betrachter auf sich selbst zurückgeworfen werden, weil die rote Fläche mit den Zips nichts besagt? Soll er seiner Endlichkeit gewahr werden, der Grenzen seiner Erkenntnis? Manche Kunstkritiker erhoben die Linien gar zu einem Zeichen, zum Symbol eines „transzendentalen Ichs“ (!), zu einem Nachbild von Gottes erstem Schöpfungsakt, der Teilung von Licht und Finsternis, und was der tönenden Phrasen noch alle waren. Läßt man all dies beiseite, bleibt die überwältigende Wirkung eines Farbfelds, welche das Auge mit einer Hauptfarbe überwältigt. Die Farbe „betäubt“ das Auge, bannt den Blick, versperrt jeden Ausweg. Es ist wie ein visueller Zwang. Und das ist, setzt man sich diesem Erlebnis aus, ziemlich unangenehm, einengend, stumm.
(aus einem Brief von Isabeau Prévost, Strasbourg, an alle Mitglieder des Holbach-Instituts, Prévost befaßt sich vor allem mit den diversen Wirkungsweisen ästhetischer Überwältigung durch Farbe, Licht, Größe, Monumentalität etc.).

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