Schlagwörter

, ,

Zoe Merck
Van Gogh: Sternennacht in Ultramarin

goghstarry

Ästhetische Überwältigung benötigt kein großes Format und keine rote Signalfarbe. Van Goghs berühmt-berüchtigte „Sternennacht“ von 1889, gewinnt seine Wirkung durch Ultramarin, Kobaltblau und kontrastives Zinkgelb, vor allem aber durch die suggestiven Bewegungswirbel beim Farbauftrag. Das Bild mißt gerade mal 73,7 mal 92,1 cm. Herkömmliche Deutungen verweisen auf den erregten Gemütszustand des Künstlers, der sich seinerzeit im Sanatorium Saint-Paul-de-Mausole aufhielt und das Gebäude nur in Begleitung verlassen durfte. Manche Interpreten vermuteten religiöse Sehnsüchte, glaubten, apokalyptische Visionen des Kosmos zu erkennen, Geburtsschmerzen der heiligen Mutter, Erinnerungen an die elf Sterne in Josephs Traum, Anspielungen auf Christus am Ölberg o.ä.. Andere wollten nachweisen, das Bild sei eine realitätsgetreue Reportage einer Sternenkonstellation im Juni 1889 gewesen. Doch die Wirbel und Turbulenzen, das Kreiseln und Schlängeln der Striche und Linien bildet weder das Nordlicht ab noch einen Spiralnebel oder gar die Milchstraße. Wie der Symbolismus nach kryptischen Allegorien und Bedeutungen sucht, so findet der Pseudonaturalismus Halt in vermeintlich realen Korrespondenzen. Aber das Geheimnis der ästhetischen Wirkung liegt nicht in religiösen Assoziationen, verkappten  Sinngehalten oder realen Bruchstücken. Die Zypresse, dieser Friedhofsbaum, „lodert“ nicht wie ein grünliches Todeszeichen zum Himmel, sondern markiert eine vertikale Linie, hinter der das horizontale und diagonale Gewoge der Wirbel umso kraftvoller wirkt. Die Siedlung, wo immer sie sich befinden mag, liegt ruhig in ihrer nächtlichen Idylle. Der spitze Kirchturm überragt kaum die Horizontlinie. Das Himmeldrama indes wirkt suggestiv, weniger durch einen Tiefensog der Wirbel und Lichthöfe, dazu sind ihrer zu viele, und auch nicht durch das erhabene Sujet des unendlichen Nachthimmels, sondern durch den Kontrast der Farbigkeit sowie durch den Gegensatz zwischen der wilden Unruhe des Himmels und der dörflichen Ruhe auf der Erde. So machtvoll ist die Seitenbewegung nach rechts, daß sie auch schon die Ölbäume, Dächer und Berge erfaßt hat. Der Kontrast von Blau, Weiß, Grün und Gelb zeigt überhaupt erst die massive Rasanz der Seitenbewegung, hinauf zum oranggelben Mond. Die blaue Himmelswelt rast wie in einem filmischen Zeitraffer nach rechts, um den Betrachter herum. Sie erzeugt eine Vibration, die über das Gesichtsfeld hinaus reicht, ungute Empfindungen in Knien, Magen, Hirn, ein kleiner Drehschwindel vielleicht. Die Farbenwelt fließt zur Seite, und dieser strömende Strudel erfaßt auch die blaue Idylle am Boden. Der Farbenkontrast verstärkt gerade die beunruhigende Wirkung und den Ausdrucks- und Erregungswert der Farbe. Die Farbe Blau ist nicht länger die Farbe erhabener Ruhe friedlicher Unendlichkeit, sondern eines unaufhaltsamen Bewegungsstroms, der den Betrachter mit sich zieht.

© ZM 2016
(Zoe Merck, Wolfenbüttel, ist ebenfalls korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts)

Advertisements