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Wolfgang Sofsky
Wilhelm Kamlah: Das Widerfahrnis

KamlahWilhelm Kamlah (1905-1976) ist heutzutage zu Unrecht kaum mehr bekannt. Kamlah studierte in Marburg, Tübingen, Heidelberg und Göttingen Musikwissenschaften, Geschichte, Philosophie und Theologie und promovierte 1931 in Göttingen bei Percy Ernst Schramm über mittelalterliche Kommentare zur Offenbarung des Johannes. 1932 wurde er Assistent am Historischen Institut in Göttingen. 1934 erhielt er Berufsverbot. Nach Kriegsende war er in Göttingen Privatdozent in Philosophie und habilitierte sich,  unterstützt von Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker. Nach einer Professur in Hannover wurde 1954 Ordinarius in Erlangen, wo er, zusammen mit Paul Lorenzen die Erlanger Schule des  methodischen Konstruktivismus begründete.

Von Kamlah, der auch als Musiker tätig war, stammt nicht nur eine Logische Propädeutik, ein Büchlein über „Utopie, Eschatologie, Geschichtsteleologie“ und eine Meditatio mortis“, eine Begründung des Freitods, die Kamlah wenige Monate später in die Tat umsetzte, sondern auch eine kleine „Philosophische Anthropologie“ (1973), die den ehrwürdigen Begriff des „Widerfahrnisses“ rehabilitiert und ihn gleichbedeutsam neben den der „Handlung“ setzt. Wenn von „sinnlicher“ oder „ästhetischer Überwältigung“ die Rede ist, ist man zwangsläufig an eine Anthropologie der Sinne verwiesen. Zu deren Grundbegriffen indes gehört jener des „Widerfahrnis“.

„Nicht allein Widriges, sondern auch Beglückendes widerfährt uns. Menschen handeln aneinander, es widerfährt uns „Freud und Leid“ durch Menschen, die uns helfen, lieben, verlassen, verletzen. Dem entsprechen zahllose Verba, die wie die soeben zitierten eine konvertierbare Relation ausdrücken. Widerfährt uns aber eine Krankheit, strahlendes Wetter, Zahnschmerz, der Tod eines geliebten Menschen, ein Autounfall, eine gute Ernte, eine schlaflose Nacht, so machen wir, da wir ja nicht Personen als handelnde verantwortlich machen können, „das Schicksal verantwortlich“. Es „geschieht uns etwas“, als ob es uns geschickt“ worden sei. Unsere gläubigen Vorfahren sprachen dann von einer „Schickung“ oder „Fügung Gottes“ oder, vor dem Christentum, von Handlungen mannigfacher Götter.

Es geschieht vielerlei, es gibt Geschehnisse, „Ereignisse“. Wir reden aber nicht von „Ereignissen“,wenn etwas geschieht, das für niemanden ein „Widerfahrnis“ ist. Auch „Naturereignisse“ wie das Erdbeben von Lissabon sind solche Vorkommnisse in der Natur, von denen Menschen betroffen werden. Der Prädikator „widerfahren“ ist zweistellig: „etwas widerfäht jemandem“. Doch wir können davon absehen, wem etwas widerfährt, und dann sagen: „etwas ereignet sich“. Z. B. Regen ereignet sich, umgangssprachlich abgekürzt: „es regnet“.

Die meisten Ereignisse, die Menschen widerfahren oder in der Vergangenheit widerfuhren, sind nicht Widerfahrnisse „für mich“. Zeitungen und Geschichtsbücher erzählen von Handlungen und Widerfahrnissen, die mich nicht unmittelbar betreffen. Die Dichter fingieren weitere Ereignisse, die mich auch nicht unmittelbar betreffen, wohl aber mittelbar, indem ich „teilnehmend“ von dem allen erfahre. Und neben demjenigen, das „mir“ widerfährt, steht dasjenige, das „uns“ widerfährt, einer Gruppe yon Menschen oder „uns Menschen“ allen.

Unser aller Leben ist eingespannt zwischen den Widerfahrnissen Geburt und Tod. Gleichsam das erste und das letzte Wort hat für uns nicht unser eigenes Handeln. Aber auch, wenn wir handeln, widerfährt uns stets etwas. Es gibt Widerfahrnisse ohne Handeln, aber es gibt kein pures Handeln. Auch ein so mächtiges Handeln wie das sogenannte „schöpferische“ ist doch stets auf vorgegebene Bedingungen angewiesen und Störungen ausgesetzt, so daß es mehr oder weniger oder gar nicht „gelingt“. Handlungen führen zum Erfolg oder zum Mißerfolg oder auch zu unerwarteten Nebenfolgen.

Wer z. B. Auto fährt, dem kann es widerfahren, „passieren“, daß der Motor nicht anspringt. Er wird das enttäuscht bemerken. Aber auch das erwartete Anspringen des Motors ist ein Widerfahrnis. Desgleichen das Aufleuchten des roten oder des grünen Lichtes der Ampel. Widerfahrnisse sind also stets „erfreulich“ oder „widrig“, angenehm oder unangenehm, „gut“„schlimm” („schlecht“). Sie widerfahren uns bezogen auf unsere Bedürftigkeit. Einem Stein widerfährt nichts, auch einem Gerät nicht. Wird ein Auto bei einem Zusammenprall beschädigt, so trifft, recht verstanden, der Schaden nicht das Auto, sondern den Autofahrer.

Der Unterschied von „gut“ und „schlecht“ („schlimm“) ist zunächst nicht ein moralischer Unterschied, sondern zunächst zu verstehen als Unterschied an Widerfahrnissen, die stets auf unsere Bedürftigkeit bezogen sind. Diesen — der Antike noch selbstverständlichen — Sachverhalt klarzustellen, ist heutzutage eine dringliche Aufgabe der Anthropologie…“

Der Begriff des Widerfahrnisses ist nicht auf Ereignisse zu beschränken. Auch Zustände und Prozesse können Widerfahrnisse von zeitlicher Dauer sein. Ereignisse finden statt, Zustände dauern an, Prozesse entwickeln sich. Manche Prozesse können auch mit der Zeit in ihrem Widerfahrnischarakter zunehmen. Das Altern zeichnet sich durch einen sukzessiven „Entzug von Möglichkeiten“ aus. Der Finalpunkt ist schließlich das letzte, absolute Widerfahrnis: der Tod.

„Widerfahrnis“ bezeichnet, pathetisch gesagt, die Macht der Welt. Diese ist keineswegs auf äußere Begebenheiten und Situationen begrenzt. Auch innere Vorgänge können dem Menschen widerfahren, Erinnerungen, Assoziationen, Schmerzen, Einfälle, Gedankenfälle, Gefühle, Affekte. Stimmungen können ihn überkommen und eine Weile anhalten. Wo immer das „Subjekt“ nicht Herr im Hause ist, sind Widerfahrnisse wirksam. Kamlah hat es jedoch zu Recht vermieden, Widerfahrnisse mit „Erlebnissen“ gleichzusetzen.

„Schließlich soll nicht ungesagt bleiben, warum dem altertümlichen Wort „Widerfahrnis“ nicht der bildungssprachlich geläufige Ausdruck „Erlebnis“ vorgezogen wird. Gewiß ist das „Erleiden“ von beglückenden oder bedrückenden Widerfahrnissen in vielen Fällen ein „bewußtes Erleben“. Aber den Schlaf, die Geburt, den Tod erleben wir nicht.“

(aus Wilhelm Kamlah: Philosophische Anthropologie. Sprachkritische Grundlegung und Ethik, Mannheim/Wien/Zürich 1973, S. 34ff.).

© WS 2016

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