Schlagwörter

, ,

Wolfgang Sofsky
Sinnliche Überwältigung – Wahrnehmungsfeld

sonjadelaunay

Sinnliche Überwältigung ist ein zentraler Mechanismus kultureller Macht. Aufgrund welcher Eigenschaften affizieren Dinge, Ereignisse, Zustände die Sinne des Menschen derart, daß die Person kognitiv, perzeptiv, emotional oder imaginativ ins Hintertreffen gerät? Sie verliert die Distanz zur Situation und zu sich selbst, büßt zuletzt auch ihre Widerstandskraft und Handlungsfähigkeit ein.

Das Studium dieser Vorgänge kann entweder von den Merkmalen der fraglichen Sachverhalte ausgehen, von der materiellen Beschaffenheit der Dinge, ihrer Monumentalität, Struktur, Farbe, Licht, Klang, Geruch etc.. Oder man wählt als Ausgangspunkt das sinnliche Vermögen des Menschen, das Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken etc. In welcher Weise nimmt A den Sachverhalt p wahr, wie wird er erlebt und empfunden, wenn A von p in den Bann geschlagen wird? Es ist nicht entscheidend, wie monumental z.B. das Objekt tatsächlich ist, sondern was es heißt, daß es als monumentales Objekt wahrgenommen wird und wie sich dadurch die Selbstgegebenheit der Person verändert. In jedem Falle hat man es mit Sachverhalten zu tun, welche phänomenal als Widerfahrnisse gegeben sind. Die Macht der Dinge zeigt sich im Modus des Widerfahrnisses.

Ein Beispiel: Für das Auge ist eine Blendung durch eine weiße Fläche oder ein hellgelb strahlendes Licht derart invasiv, daß der Betrachter nichts mehr sieht außer dieses Weiß, dieses strahlende Hellgelb. Selbst wenn er den Blick abwendet, halten die Nachbilder oft an, so daß auch der Rest der Welt nicht mehr zu erkennen ist. Die Person ist geblendet, sie ist zeitweise blind.  Überwältigung ist hier so radikal, daß sie das Sinnesvermögen außer Kraft setzt.

Was hier über den Fernsinn des Sehens nur angedeutet ist, läßt sich auf andere Sinnesvermögen übertragen. Je näher indes der sinnliche Eindruck an die Person heranrückt und ihre offenen Grenzen durchbricht, desto geringer die Chance zu Abstand oder Abwehr. Ohrenbetäubender Lärm und Krach dringen direkt durchs Ohr ein, Gestank verströmt sich durch die Nase, übler Geschmack ist schon im Körper. Doch dies sind nur die „negativen“ Widerfahrnisse der Überwältigung.

Es gibt auch „positive“ oder als ambivalent empfundene Widerfahrnisse, welche die Person überwältigen, ferner Ereignisse, die absichtlich herbeigeführt oder aufgesucht werden, um sich das Gefühl der Überwältigung, der Erhabenheit, der Ergriffenheit, des Rauschs zu verschaffen. Manche Besucher von Bayreuth wollen ein „Gesamtkunstwerk“ erleben, bei dem alle Sinne affiziert werden, also ein totales Erlebnis, getragen jedoch von einer Musik, deren Klangsensitivität und  Steigerungssequenzen den Besucher zeitweise in eine andere Welt befördern kann. Besucher von Rock- oder Popkonzerten suchen etwas ähnliches, die Reize sind jedoch gröber, Rhythmik, Dynamik und Klang ungleich simpler, dafür durchdringt das sinnliche Ereignis die gesamte Person, bringt ihren Körper zum Tanzen, bis zu Zuständen individuellen oder kollektiven Rauschs. Es scheint Intensitätsgrade der sinnlichen Überwältigung zu geben, ebenso wie es mehrere Modi des Widerfahrnisses gibt.

Zu unterscheiden sind jedenfalls Modi und Typen der Überwältigung. Einem visuellen Eindruck kann z.B. jegliche physische Gewaltsamkeit fehlen, und dennoch ist p derart „beeindruckend“, daß A in blankes Staunen verfällt, die Luft anhält, ein Gefühl der Wärme spürt, der inneren „Erhebung“. Sie kann dieser Wirkung kaum entkommen, es sei denn, sie wechselt abrupt die Situation.

Man bleibe zunächst bei einem einfachen phänomenologischen Modell des Wahrnehmungsfeldes. Dieses besteht a) aus einem Thema, einem Brennpunkt der Aufmerksamkeit, auf den sich die mentalen Aktivitäten aktuell ausrichten; b) ein thematisches Feld von kopräsenten Gegebenheiten, die mit dem Thema in dieser oder jener Weise zusammenhängen und als solche „mitlaufen“, also ein sachgebundener Hintergrund; c) die „Mitgegebenheiten“, welche mit dem aktuellen thematischen Zentrum sachlich nicht verknüpft sind, gleichwohl im akuten mentalen Feld ebenfalls gegenwärtig sind, d) einen Horizontrand, eine Grenze, jenseits dessen all das liegt, was aktuell nicht wahrgenommen, gedacht, gefühlt wird, eine Grenz- und Trennlinie, welche die gegenwärtige Situation vom Rest der Welt abhebt. Überwältigung kann nun – in einer ersten Annäherung – heißen:

  1. Abdichten des Horizonts: es gibt kein Jenseits des Rahmens, des Rands, das Feld der Situation ist geschlossen, das aktuelle Wahrnehmungsfeld ist die ganze Welt.
  2. Aufreißen, Tilgung der sicheren Horizontlinie ins Unendliche hinaus.
  3. Thematische Bindung, auferlegte Konzentration, monothematische Fixierung unter Streichung sämtlicher „Mitgegenheiten“. Verengung des thematischen und unthematischen Feldes auf den Brennpunkt.
  4. Massive Lenkung des Auges in eine Bewegungsrichtung, Kanalisierung innerhalb einer Perzeptionsbahn, Sogeffekt. Also eine auferlegte Bahnung im leiblich-perzeptiven Feld, im Extrem über den Horizontrand hinaus. Hier klebt das Auge nicht mehr an einem Punkt, sondern wird unaufhörlich gezogen, in die Tiefe, Höhe, zur Seite, und zwar von der Person weg. Diesem Strom ist kaum zu entkommen.
  5. Einsturm auf die Person hin, das Ereignis, der Nebel, der Regen, der Strom, die Farbe Rot kommt ihr entgegen, stürzt auf sie ein, bis sie den Betrachter umfangen, überschwemmt, übermannt hat. Hier hat p den Charakter unaufhaltsamer Aufdringlichkeit bis zur Eindringlichkeit. Der Abstand zur Situation wird vom entgegenstürzenden Ereignis direkt getilgt, Flucht ist unmöglich. Ein Aufspannen des Feldes ist ebenso unmöglich wie ein Seitenblick auf den Horizont oder über ihn hinaus.

In jedem dieser Fälle widerfährt der Person eine auferlegte Strukturierung des Wahrnehmungs- und Bewußtseinsfeldes. Dies sind fünf Formen der sinnlichen Überwältigung, die sich allein aufgrund der allgemeinen Struktur des Wahrnehmungsfeldes ergeben können. Von Empfindungen, Assoziationen, Erlebnisweisen, Affekten, Bedeutungen ist überhaupt noch keine Rede, geschweige denn von den nichtvisuellen Modi sinnlicher Widerfahrnisse.

© W.Sofsky 2016

Advertisements