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Wolfgang Sofsky
Karl Barth: Die Harmlosigkeit der Religion

karl_barthAngesichts des Festprogramms des EKD-Gremienprotestantismus zum Lutherjahr reibt sich jeder Freund und Feind des Christentums die Augen ob der verordneten Harmlosigkeit. Gewiß, Luther war ein großer Hasser, er haßte die Juristen, die Bauern, die Kleriker, die Juden, den Islam, den Papst und die Bischöfe. Die Reformation war ein Akt des Protests, der Revolution. Davon ist im heutigen Kirchentags“protestantismus“ kaum mehr als eine leise Erinnerung im Geiste der „Internationalität und Ökumene“ geblieben. Keiner will die christliche Wiedervereinigung mehr als die EKD-Elite. Dafür pilgert ihr Oberhaupt zur Audienz beim Papst, dafür pilgert sie bußfertig und reumütig mit ihren katholischen Kollegen zu den heiligen Stätten. Vom theologischen oder kulturhistorischen Gehalt des Protestantismus ist nichts zu hören. Vom Gestus des riskanten Protests ohnehin nichts. Man muß kein Freund des Christentums sein, um angesichts solch staatsnah verordneter Harmlosigkeit entsetzt zu sein. Man wünscht sich starke Gegner, an denen die Geschichte des Protestantismus wahrlich nicht arm ist. Die Liste der großen Theologen, angefangen bei Luther, Zwingli, Calvin über Schleiermacher, Kierkegaard, David Friedrich Strauß, Ernst Troeltsch, Paul Tillich, Rudolf Otto, Rudolf Bultmann, Bonhoeffer bis zu Moltmann, Pannenberg, Jüngel u.a. ist lang. Sie verfügten über die Gabe des klaren Wortes und scharfen Arguments. Geschwafel war ihre Sache nie, ebensowenig wie intellektuelle Selbstpreisgabe durch Anpassung an akute Zeitgeister. Einer der bedeutendsten in dieser Reihe, der Schweizer Karl Barth (1886-1968) , der sich vehement gegen die falsche Vermenschlichung Gottes bzw. die Vergöttlichung des homo sapiens wehrte, hatte einen klaren Blick für die Harmlosigkeit pseudoprotestantischer Gemütsreligion.

„Wir predigen Gesinnung, wir machen Stimmung. Vielleicht gelingt es uns, aber was soll das eigentlich?… Es ist eben auch nichts Ernstes. Ernst sind nur Kräfte. Darum hat doch z.B. der Kapitalismus die Religion nie ernst genommen, sondern ganz ruhig Kirchen und Schulen gebaut ohne die geringste Furcht, daß von daher jemals eine ihm gefährliche Gegenkraft sich erheben könnte. Darum nimmt der Militarismus die Religion so wenig ernst, daß er ganz ruhig Feldprediger anstellt, die auf Feldkanzeln zwischen zwei Geschützen ihre Gesinnungssprüchlein sagen dürfen, wie die Spatzen, die zwischen den Zähnen eines Krokodils herumhüpfen. Das militärische Ungeheuer weiß eben ganz genau, daß es von den wackeren Feldpredigern nichts Böses u befürchten hat. Es wird keine Kraft von ihnen ausgehen. Darum sagt der Sozialismus ganz freundlich: Religion ist Privatsache!, nimmt auch ganz duldsam Notiz von uns paar sozialdemokratischen Pfarrern ohne eine Spur von Furcht vor den Kräften, die von daher ins Spiel kommen und die seinen Kräften eines Tages ernstliche Konkurrenz machen könnten. Religion nimmt man doch nicht ernst! Die Vorstellung, daß sie etwas Reales sei, etwas mit wirklichen Kräften zu tun haben könnte – diese Vorstellung gibt es einfach nicht in der Welt und wenn wir uns auf den Kopf stellen“  (K. Barth, Religion und Leben, Evangelische Theologie 11, 1951/52, 437ff.).

„Es ist typische Mittelstandsideologie mit ihrem gediegenen, aber etwas beschränkten Horizont, mit ihrer bescheidenen, aber in sich gegründeten Selbstzuversicht, mit ihrer klugen Fügsamkeit nach oben und mit ihrer Behäbigkeit nach unten, mit ihrer Richtung auf das Praktische und Greifbare und mit ihrem berechtigten Wunsch nach äußerem Frieden und innerer Ruhe, mit ihrem Bedürfnis nach Erhebung über die Sorgen des Alltags und mit ihrer soliden Abneigung gegen unverständliche Paradoxien, was, wenn wir von dem christlichen Inhalt einmal absehen wollen, etwa den Liturgien und Gesangbüchern, aber auch den Predigtinhalten dieser Zeit das Gesicht gegeben hat“ (K.Barth, Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert, Zürich 1947, 71).

„Er verliert nichts bei diesem Rückzug; er zieht ja bloß sein Kapital zurück aus einer Unternehmung, die ihm nicht mehr rentabel erscheint: die Vitalität und Intensität, die er bis jetzt an die Gestalt des Gottesbildes und die Erfüllung des Gesetzes seiner Religion verwendete, schlagen nun nach innen, werden nun fruchtbar gemacht zugunsten und in der Richtung der gestaltlosen und werklosen, der gedankenlosen und willenlosen Wirklichkeit, aus deren Reichtum die Religion einst hervorging, um nun in sie zurückgenommen zu werden… Dasselbe so gar nicht bedürftige religiöse Bedürfnis sucht seine Befriedigung nun in seiner Nicht-Befriedigung, in einem pathetischen Verzicht auf die Darstellung, in einem pathetischen Schweigen, in einem pathetischen Zur-Ruhe-Kommen der Seele in sich selbst, in der feierlichen Leere, die es der ebenso feierlichen Fülle von vorher nun auf einmal vorziehen zu wollen glaubt“ (K. Barth, Kirchliche Dogmatik  I/2, 347).

„Als man nicht mehr wußte oder wissen wollte, was Glauben und Gehorsam ist, da fing man an, von Religion zu reden. ‚Religion‘, das ist, geistesgeschichtlich betrachtet, die Flagge, die den Winkel bezeichnet, in den sich die neuere Theologie fluchtartig zurückzuziehen begann, als sie den Mut verlor, vom Worte Gottes aus zu denken, und froh war, in der dieser Größe scheinbar entsprechenden menschlichen Gemütsaffektion ein Flecklein Humanität zu finden, auf dem sie sich, im Frieden mit dem modernen Wissenschaftsbegriff, als rechte Als-Ob-Theologie ansiedeln und niederlassen konnte“  (K.Barth, Die christliche Dogmatik im Entwurf, Karl Barth Gesamtausgabe, Zürich 1982, 594f).

„Das Christliche ist jetzt … tatsächlich zu einem Prädikat des neutral und allgemein Menschlichen, die Offenbarung ist nun zu einer geschichtlichen Bestätigung dessen geworden, was der Mensch auch ohne Offenbarung von sich selbst und damit von Gott wissen kann“ (K. Barth, Kirchlich Dogmatik I/2, 315).

„Daß Ihr als Christen mit Monarchie, Kapitalismus, Militarismus, Patriotismus und Freisinn nichts zu tun habt, ist so selbstverständlich, daß ich es gar nicht zu sagen brauche. ‘Die wir der Sünde gestorben sind, wie sollten wir in ihr weiterleben können?’ ([Röm.]6,2). Viel näher liegt euch natürlich die andere Möglichkeit, die im Christus kommende Revolution willkürlich vorauszunehmen und dadurch hintanzuhalten. Und davor warne ich Euch! Die Sache der göttlichen Erneuerung darf nicht vermengt werden mit der Sache des menschlichen Fortschritts. Das Göttliche darf nicht politisiert und das Menschliche nicht theologisiert werden, auch nicht zugunsten der Demokratie und Sozialdemokratie. Ihr müßt euch, mag eure Stellung in den vorletzten Dingen sein, welche sie wolle, freihalten für das Letzte. Ihr dürft in keinem Fall in dem, was ihr gegen den jetzigen Staat tun könnt, die Entscheidung, den Sieg des Gottesreiches suchen“’ (K. Barth, Der Römerbrief, 1919, Nachdruck Zürich 1963, 381).

© WS 2016

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