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Wolfgang Sofsky
Le Corbusier in Athen: Die Tempelmaschine

parthenon

1911 machte sich der 24jährige Charles Edouard Jeanneret, der sich sechs Jahre später Le Corbusier nennen sollte, zu einer Rundreise zwecks Erfahrung des Erhabenen auf. Sie führte ihn nach Konstantinopel, Athen und Rom. In Athen kam er um elf Uhr morgens an und erfand tausend Ausflüchte, um nicht auf die Akropolis hinaufzusteigen. Er hockte in Cafehäusern herum, las Zeitungen, strich durch die Altstadtstraßen und wartete. Erst gegen Abend machte er sich auf den Weg. Oben angekommen, sah er, wie die sinkende Sonne die Steine in flammendes Rot und Orange verwandelt hatte. Er notiert die ästhetische „Gewalt“ des Erhabenen in deutlichen Worten:

„Seht, was das Richtige der Tempel bestätigt, das wilde Plateau, die makellose Struktur. Der Geist der Macht triumphiert. Der Herold, so entsetzlich klar schauend, hebt eine Trompete aus Erz an die Lippe und es tönt ein Schrei. Das Gebälk in seiner grausamen Unbeweglichkeit erschreckt. Das Gefühl eines übermenschlichen Schicksls ergreift uns. Das Parthenon, diese schreckliche Maschine, macht auf Meilen im Umkreis alles zu Staub, beherrscht alles.“

© WS 2016

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