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Wolfgang Sofsky
Thomas Hobbes: Politische Religion

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Wer je Zweifel daran hatte, daß Religionen niemals nur Privatsache, sondern stets eine öffentliche, politische Angelegenheit sind, der werfe einen Blick ins 12.Kapitel von Thomas Hobbes „Leviathan“. Wie immer zeichnet sich Hobbes auch in Fragen der Religion durch unliebsame Einsichten aus. Der Ursprung der Religion liegt in vier Quellen: dem Glauben an unsichtbare Geister, der Unkenntnis abgeleiteter Ursachen, der Verehrung dessen, was man fürchtet, und dem Umstand, daß zufällige Ereignisse für Vorzeichen gehalten werden. Zwei Arten von Menschen nutzen diese Tendenzen aus: Staatsgründer und Propheten. Beide verfolgen die Absicht, „die Menschen, die sich ihnen anvertrauten, zu Gehorsam, Befolgung den Gesetzen, Frieden, Nächstenliebe und zur bürgerlichen Gesellschaft zu erziehen. So ist die Religion der ersten Art  ein Bestandteil menschlicher Politik und lehrt einen Teil der Pflicht, die irdische Könige von ihren Untertanen verlangen. Die Religion der letzten Art ist göttliche Politik und enthält Vorschriften für diejenigen, welche sich dem Reich Gottes unterworfen haben.“

Politiker verfolgen einige Strategien, um ihrem Tun göttliche Weihen zu verleihen. Erstens suchen sie den Untertanen einzuprägen, die von ihnen erlassenen Gesetze seien göttliche Weisungen. „So behauptete Numa Pompilius, er habe die Regeln des Gottesdienstes, die er bei den Römern einführte, von der Nymphe Egeria empfangen, und der erste König und Gründer des Königreiches von Peru gab vor, er und seine Frau seien Kinder der Sonne, und Mohammed behauptete, um seine neue Religion einführen zu können, er habe Zusammenkünfte mit dem Heiligen Geist, der als Taube erscheine. Zweitens legten sie Wert darauf, den Glauben zu erwecken, daß dieselben Dinge, die durch Gesetz verboten waren, auch den Göttern mißfielen. Drittens waren sie auf die Einführung von Zeremonien, Bittgebeten, Opfern und Festen bedacht, wodurch die Menschen dazu gebracht werden sollten, zu glauben, der Zorn der Götter könne besänftigt werden, und Mißerfolge im Krieg, große Epidemien und das persönliche Unglück jedes einzelnen rührten vom Zorn der Götter her, und ihr Zorn von der Vernachlässigung ihrer Verehrung oder einigen Fehlern bei den verlangten Zeremonien…

Aber wo Gott selbst durch übernatürliche Offenbarung die Religion einpflanzte, schuf er sich auch ein besonderes Reich und erließ Gesetze, die nicht nur das Betragen gegen ihn selbst, sondern auch das der Menschen untereinander betrafen. Und dadurch sind in diesem göttlichen Reich Politik und bürgerliche Gesetze ein Bestandteil der Religion, und somit ist dort die Unterscheidung von zeitlicher und geistlicher Herrschaft gegenstandslos. Es ist richtig, daß Gott König der ganzen Welt ist — doch kann er auch König eines besonderen und auserwählten Volkes sein. Denn darin liegt auch kein größerer Widerspruch als in der Tatsache, daß der Oberbefehlshaber der ganzen Armee zugleich ein besonderes eigenes Regiment oder eine eigene Kompanie befehligen kann. Gott ist durch seine Gewalt König der ganzen Erde, aber er ist König seines erwählten Volkes durch Vertrag.“

Kurz gesagt: Politik und Religion sind stets aufs Engste verknüpft. Dies gilt für alle Religionen, zumal jene monotheistischen Offenbarungsreligionen, die von einer imperialen Mission getrieben sind. Sie wollen die gesamte Menschheit, also alle Heiden, Abtrünnige, Anders- und Ungläubige bekehren oder beseitigen. Solche Religionen für eine harmlose Privatsache zu halten, ist Kinderglauben. Ebenso närrisch ist es, in einem Anflug von subtiler Betulichkeit, die politische von der vermeintlich privaten Religion unterscheiden zu wollen. Religion will stets in die Politik, in die Gesellschaft, will die Formen des Lebens prägen, durchherrschen. Mit den Seelen des Individuums gab sie sich noch nie zufrieden.

© W.Sofsky 2016

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