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Wolfgang Sofsky
Arthur Koestler: Umdressur

koestler1947

Lenskis Rundbrief vom 17.5. deutet die Verinnerlichung der Gedankenkontrolle an. Man nehme die Berichte aus den Zellen der Kommunistischen Partei! Der Beitritt ist zunächst freiwillig, aber der Novize durchläuft eine Art Probezeit mit Schulungen, Instruktionen, manchmal hat er einen informellen Mentor oder Tutor. Wirklich erfolgreich ist die Gedankenkontrolle erst, wenn ihr Opfer selbst seine Gedanken zu überwachen beginnt und sich für unerwünschte Regungen selbst bestraft, wenn Schuldgefühle, Schuldangst, Gewissensnot, Selbstkasteiung, Selbstkritik zum persönlichen Habitus werden. Die Pflicht zu kollektiver Gedankenselbstkontrolle im Sinne der Parteiinie kennt man aus Beschreibungen, wie sie Arthur Koestler in seinen autobiographischen Texten gegeben hat. Koestler war bekanntlich KP-Mitglied von 1931-38, bis er mit der Bewegung brach. Er hatte im Gegensatz zu unzähligen intellektuellen Irrläufern recht bald begriffen, daß politische Religionen keine  Sache der Vernunft, sondern des Glaubens sind. In den Zellen gingen Wort- und Gedankenkontrolle Hand in Hand. Die Gruppe, die Partei hatte immer recht, auch wenn sie abrupt die Linie wechselte.

„Das offizielle Treffen begann immer mit einem politischen Vortrag, der von einem Instruktor von der Bezirksleitung (oder vom Zellenleiter mit den nötigen Instruktionen der Bezirksleitung) gehalten wurde. In diesen Vorträgen wurde die Parteilinie hinsichtlich der Tagesfragen festgelegt. Dann folgte eine Diskussion, aber eine besonderer Art. Es ist eine Grundregel kommunistischer Disziplin: Wenn die Partei einmal eine bestimmte Linie für ein bestimmtes Problem festgelegt hat, ist jede Kritik an diesem Parteibeschluß Sabotage. In der Theorie ist Diskussion gestattet, bevor ein Entschluß gefaßt wird, in der Praxis aber werden Entscheidungen immer ohne vorherige Beratung mit der Gefolg-schaft von oben getroffen. Ein Schlagwort der deutschen Partei lautete: »An der Front wird nicht diskutiert.« Ein anderes: »Wo immer ein Kommunist ist, ist er an der Front.« Daher zeigten unsere Diskussionen eine völlige Übereinstimmung aller Meinungen.“ (Koestler, Als Zeuge der Zeit. Das Abenteuer meines Lebens, Bern 1985, S.147).

„Dementsprechend zeichneten sich unsere Diskussionen stets durch völlige Einstimmigkeit der Ansichten aus, und ihr Verlauf war, daß ein Zellenmitglied nach dem anderen aufstand und in gutem Djugaschwilesisch zustimmende Variationen zu dem vom Referenten angeschlagenen Thema vortrug. Aber »vortragen« ist hier wohl nicht das treffende Wort. Wir bemühten unseren Geist verzweifelt, nicht nur Rechtfertigungen für die festgelegte Parteilinie zu finden, sondern auch uns selbst zu beweisen, daß wir schon immer der geforderten Meinung gewesen waren; und in den meisten Fällen gelang uns das auch…

„Unser Instruktor hielt ein Referat, in dem er uns bewies, da es kein »kleineres Übel« gebe, daß die Parole des »kleineren Übels« auf einem philosophischen, strategischen und taktischen Trugschluß beruhe und eine diversionistische, liquidatorische und konterrevolutionäre Lüge sei; und folglich hatten wir für jeden, der diesen ominösen Ausdruck auch nur in den Mund nahm, von jetzt an nichts als Mitleid und Verachtung übrig. Ja mehr noch, wir waren überzeugt, daß wir selbst den Begriff des »kleineren Übels« schon immer für eine Erfindung des Teufels gehalten hatten. WIe konnte es nur irgend jemandem entgehen, daß es besser war, sich beide Beine amputieren zu lassen, als wenigstens eines retten? Und daß die korrekte revolutionäre Politik darin bestand, der verkrüppelten Republik die Krücken wegzustoßen? Der Glaube ist ein wundersames Ding: er kann nicht nur Berge versetzen, er kann den Gläubigen auch überzeugen, daß ein Hering ein Rennpferd ist.

Nicht allein unser Denken, auch unsere Sprache und Ausdrucksweise wurde völlig umdressiert. Gewisse Worte waren absolut tabu — z. B. »kleineres Übel« oder »spontan«, das letztere, weil »spontane Äußerungen des revolutionären Klassenbewußtseins“ zu der trotzkistischen Theorie der permanenten Revolution gehörten. Andere Ausdrücke wiederum wurde zu bevorzugten Haushaltsworten in unserem Vokabular. Ich denke nicht nur an den typischen kommunistischen Jargon mit seinen „werktätigen Massen“, sondern auch an Worte wie „konkret“ oder „sektiererisch“ (»Du mußt deine Frage in konkreter Form stellen, Genosse!«; »Du nimmst eine linkssektiererische Haltung ein, Genosse!«) Eines unserer ausgefallensten Lieblingsworte war »herostratisch«. In einem seiner Werke hatte Lenin den Griechen Herostratus erwähnt, der einen Tempel niederbrannte, weil ihm nichts anderes einfiel, um zu Ruhm zu gelangen. Also hörte und las man in unserer Literatur häufig Wendungen wie : … der verbrecherische, herostratische Wahnsinn der konterrevolutionären Saboteure an den heroischen Anstrengungen der werktätigen Massen im Vaterland des Proletariats, den zweiten Fünfjahresplan in vier Jahren zu erfüllen…

Wiederholungen in der Diktion; die Katechismustechnik, eine rhetotrische Frage zu stellen und sie bis auf den letzten Buchstaben in der Antwort zu wiederholen; der Gebrauch von stereotypen Adjektiven und das Abtun aller unbequemen Meinungen und Tatsachen durch den einfachen Kniff, sie mit Anführungsstrichen zu versehen und auf diese Weise in einen ironischen Tonfall zu kleiden (die »revolutionäre« Vergangenheit Trotzkis, das »humanistische« Geblök der »liberalen« Presse usw.) — all das zusammen ergab jenen Stil, dessen unbestrittener Meister Josef Djugaschwili ist und der allein schon durch seine Monotonie eine einschläfernde und hypnotische Wirkung erzeugte. Zwei Stunden dieses dialektischen Tam-Tams genügten, um einen vergessen zu lassen, ob man ein Männchen oder ein Weibchen war — man war dann bereit, das eine oder andere zu glauben, sobald die falsche Alternative in ironischen Gänsefüßchen erschien. Man war ebenso auch zu glauben bereit, daß die Sozialdemokraten a) den Hauptfeind darstellten und b) natürliche Verbündete waren; daß die sozialistischen und kapitalistischen Länder a) friedlich nebeneinander leben und b) unmöglich friedlich nebeneinander leben konnten, und daß, als Engels schrieb, daß der »Sozialismus in einem Lande« unmöglich sei, er genau das Gegenteil gemeint hatte. Man lernte außerdem, mit Hilfe von Kettenschlüssen zu beweisen, daß jeder, der eine andere Meinung als die eigene vertrat, ein Agent des Faschismus war, weil er a) durch seine abweichlerischen Ansichten die Einheit der Partei gefährde, b) durch diese Gefährdung der Parteieinheit die faschistischen Siegesaussichten erhöhte und daher c) »objektiv« als Agent des Faschismus handelte, selbst wenn ihm die Faschisten »subjektiv« in Dachau die Nieren zu Brei geschlagen haben sollten. Begriffe wie »Agent des….«, »Demokratie«, »Freiheit« usw. hatten im Parteijargon eine völlig andere Bedeutung als im üblichen Sprachgebrauch, und da sie selbst innerhalb der Partei mit jeder Änderung der offiziellen Linie einen neuen Sinn annahmen, glichen unsere polemischen Methoden der Krocket-Partie der Herzkönigin aus Alice im Wunderland, bei der sich die Tore selbständig über das Feld bewegten und die Kugeln aus lebenden Igeln bestanden. Der einzige Unterschied war der, daß hier, wenn ein Spieler seinen Einsatz verpaßte und die Herzkönigin: »Kopf ab!« rief, der Befehl auch wirklich ausgeführt wurde. Wer sich in der Partei halten wollte, mußte ein Künstler dieses Wunderland-Krockets werden…“ aus: Arthur Koestler, Ignazio Silone u.a., Ein Gott, der keiner war, München 1962 (zuerst Zürich 1950), S.40ff.)

© WS 2016

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