Schlagwörter

,

Romuald Lenski
Gedankenkontrolle

Lenski

Bei der Erforschung kultureller Macht ist die Wirkungsweise sinnlicher Überwältigung gewiß ein wichtiges Thema. In diesem Sinne verstehe ich auch die Überlegungen über die Farben, das Erhabene und die Struktur des Wahrnehmungsfeldes. Hier fehlt allerdings eine Anthropologie oder Aisthesiologie der Sinne, die uns von den Banalitäten der populären Farbpsychologie befreit.

Zudem aber sollte man das kognitive Feld nicht unbeackert lassen. Die sinnliche Überwältigung hat etwas Momentanes: eine plötzliche Ergriffenheit, ein Gefühl der Einengung oder der Sturz ins Unermeßliche. Kognitive Überwältigung, also Gedankenkontrolle, indes scheint mehr Zeit zu benötigen und ist dafür in seiner Wirkung dauerhafter. Hier handelt es sich immer um eine Einengung des Denk- und Rederaums. Wir wissen mittlerweile, daß es keine Gehirnwäsche gibt. Dies hatte man nach den kommunistischen Schauprozessen oder der Freilassung amerikanischer Kriegsgefangener aus koreanischen oder chinesischen Lagern und Kerkern noch geglaubt. Dennoch gibt es eine Gedankenkontrolle, die physisch und sozial abgestützt ist.

Gedankenkontrolle ist zunächst leiblich verankert. Keiner denkt ohne Körper. Deshalb ist der physische Übergriff bei Maßnahmen der Gedankenkontrolle nicht selten, oder weniger euphemistisch, Folter oder folterähnliche Zwangs- und Gewaltsituationen sind der erste, brutale Weg zur Gedankenkontrolle: Man sperrt Menschen ein, drückt sie auf die niedrigste Stufe, entzieht ihnen Schlaf, Wärme, Nahrung, raubt ihnen den Namen, bricht ihr Selbstgefühl, stößt sie in unerträgliche Schmerzen, und dann erscheint unverhofft ein freundliches Gesicht, eine „helfende Hand“ und sagt ihnen, was sie sagen sollen. In der Regel sagen die Leute dann alles, was man verlangt. Und sie denken auch das, was sie sagen sollen. Hier geschieht Gedankenkontrolle durch physische Gewalt oder durch „inquisitorische“ Verhörpraxis, eine Methode, die in der Kriminalgeschichte der Religionen und Ideologien ja keineswegs unüblich ist.

Ein zweiter Weg ist die soziale Kontrolle. Man sperrt Menschen in einer Gruppe zusammen, die den Neuankömmling freundlich aufnimmt, ihn aber engmaschig belehrt, was er sagen und denken darf und was nicht. Wohlverhalten wird mit Anerkennung, Bewährungsnoten, Zuckerbrot prämiert, Fehlverhalten genau registriert und protokolliert, mit Drohungen belegt und schließlich durch Bloßstellung, Gruppengerichte, etc. sanktioniert. Manchmal ist auch noch eine Einzelautorität zugegen, welche die Maßstäbe der Gruppe verkörpert. Immer ist der falsche Gedanken ein Verbrechen an der Gruppe. Sie steht über dem Individuum. Jede Abweichung ist ein Vergehen am Sozialen schlechthin.

Der soziale Druck operiert meist mit folgenden Methoden: Erstens die Isolation: Die Person ist von allem abgeschnitten, was nicht ins Gruppensystem paßt, von externen Kontakten, Informationen, Nachrichten. Zweitens Dauerüberwachung des Verhaltens, der Gespräche, der Körperbewegungen, Gesten etc. Drittens Sanktionsangst: Es herrscht oft Unsicherheit und Furcht vor den meist unklaren Sanktionen für abweichendes Verhalten. Wären die Maßstäbe klar, könnte man sich heimliche Nischen bauen. Die Unberechenbarkeit schafft ängstliche Überanpassung. Viertens: Wiederholung, Gewohnheitsbildung. Die Indoktrination wird so oft wiederholt, bis Worte und Gedanken „in Fleisch und Blut“, also in eine Art Reiz-Reaktionsschematismus übergegangen sind. Ein Wort – sofort rastet der entsprechende Gedanke ein. Fünftens Zuckerbrot und Peitsche: Abweichler werden bestraft, Rechtgläubige belohnt.

Totale soziale Kontrolle findet sich in Sekten und anderen totalen Institutionen. Hierzu gehören Klöster, Internate, Kasernen etc. Die Mechanismen der Gedankenkontrolle finden sich jedoch auch in scheinbar liberalen Gesellschaften. Auf dem öffentlichen Diskursindex stehen verfemte Worte; verfemte Gedanken werden erfaßt, etikettiert, verfolgt, es gibt eine Zensur unliebsamer Meinungen, eine öffentliche Bloßstellung, sozialen Ausschluß, Dauerbeschallung in Schulen, Akademien, Medien, in politischer Propaganda der Regierungen und Parteien. Jede Macht träumt von der Kontrolle der Gedanken. Aber analytisch bräuchte man eine kleine Theorie der politischen Verfemung, um den „weichen“ Techniken der Gedankenkontrolle in demokratischen Herrschaftssystemen auf die Spur zu kommen.

© RL 2016

(aus einem Zirkularbrief von Romuald Lenski, Bratislava. Lenski ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts).

Advertisements