Schlagwörter

, , , , ,

Zoe Merck
Affektion, Leib, Affekt

zoe1

Um die Wirkungsweise von Macht, Religion und Ideologie zu verstehen, ist der Begriff der Überwältigung nicht unpassend. Er nimmt die Idee des Widerfahrnisses auf und verabschiedet die Vorstellung, alles Empfinden, Erleben, Wahrnehmen, Erfahren sei stets nur Aktivität, Aktion, Tätigkeit des Geistes. Das ist die erste wichtige Korrektur am gängigen Weltbild. Wenn wir diese Vorgänge in Passivität genauer kennen, wissen wir womöglich auch, wie tiefgreifend die Wirkungen kultureller Macht sind. Das heißt nicht, daß es hier um eine „Opfer“-perspektive ginge. Wie der Gehorsame oft selbst ein Interesse an seinem Gehorsam hat, so tut auch der Gläubige etwas dafür, daß ihn das, woran er glauben will, überkommen kann. Manche asketische Übungen haben ja gerade das Ziel, eine Leere zu erzeugen, welche die Empfänglichkeit steigert fürs Erlebnis des Heiligen. Auf das Verhältnis von Widerfahrnis und Empfänglichkeit muß jeweils genau geachtet werden.

Unzutreffend erscheint mir jedoch die Vorstellung, man könne sinnliche, kognitive und physische „Überwältigung“ säuberlich separieren. Kein Mensch denkt ohne Körper, sagt Lenski zu Recht. Kein Mensch erlebt eine rote Farbfläche, eine strahlendes Weiß, eine Fassadenwand von 60 Metern Höhe wie beim Straßburger Münster oder einen rotglühenden Tempel auf der Akropolis nur als eine visuelle Sensation. Er ist stets leiblich involviert und mehr oder weniger in seinem Gemüt affiziert. Überwältigung ist niemals nur ein Wahrnehmungsereignis, sie ergreift die gesamte Person. Die sinnliche Affektion erzeugt einen Affekt, der leiblich, also im somatischen Selbstverhältnis, im „Körpergefühl“ als Weitung, Engung, Spannung, Schwellung usw. erlebt wird. Das Erleben eines Gefühls ist verbunden, vielleicht sogar grundiert in einem Leibgefühl. Zugleich sind akute Gefühle etwas, was der Person zustößt. Affekte sind innere Widerfahrnisse, Affektionen durch äußere Ereignisse ebenfalls. Überwältigung ist, und hier muß man dessen Dramatik wirklich betonen, ein „totales Widerfahrnis“. Sie betrifft die Person als ganze. Kann sie sich davon absetzen, distanzieren, es als Laune abtun, als Irritation, als merkwürdige Sensation, dann ist die Wirkung bereits brüchig. Anders ist es bei Stimmungen, in die man versetzt wird oder in die man sich teilweise auch selbst versetzen kann. Wir haben also a) Affektionen im sensuellen Feld, b) Affekte, akute Gefühle, c) leibliche Empfindungen, d) übersituative Stimmungen, e) übersituative Haltungen, f) aktive Reaktionen auf diverse Widerfahrnisse. Wie all dies miteinander zusammenhängt im senso-affektiven Kreislauf, ist unklar. Aber man wird diese Komplexität im Auge behalten müssen, wenn man bei der Analyse von „Überwältigungen“, also von kultureller Macht weiter kommen will.

© ZM 2016
(aus einem Brief von Zoe Merck, Wolfenbüttel. ZM ist korrespondierendes Mitglied des Holbach-Instituts).

Advertisements