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Wolfgang Sofsky
Abaelard: Sic et Non

abelard

Der „Ritter der Dialektik“, Petrus Abaelardus, heute fast nur noch bekannt wegen der dramatischen Liebe zu seiner Schülerin Heloise, verfertigte um 1121 sein Hauptwerk „Sic et Non“, ein Markstein theologischer „Aufklärung“, das er in den nächsten Jahrzehnten mehrfach überarbeitete. Bei den beiden verlorenen Ketzerprozessen, der letzte angestiftet durch den unseligen Bernhard, den manche für einen Heiligen halten, spielte das Buch angeblich keine Rolle. Aber es bot einen „Discours de la Méthode“, da es den Zweifel als Königsweg zur Wahrheit verfocht. Im Prolog umreißt Abaelard das Verfahren:

Zuerst sammle man umfassend alle diskutablen Textstellen (collatio) des Alten und Neuen Testamentes, der Heiligen, der Kirchenlehrer, extrahiere daraus, gemäß den Regeln der Vernunft, die Grundfrage (quaestio) und unterziehe dieser einer eingehenden Prüfung (inquisitio). Wonach fragt die Frage und wonach nicht? Sodann treffe man nach einer Prüfung des Wahrheitsgehalt einzelner Textstellen (dubitatio) eine Auswahl, prüfe die Echtheit der Stelle, vergleiche sie mit anderen Textstellen desselben Autors (manche widersprechen sich im Laufe der Zeit, ändern ihre Meinung, relativieren ein Argument etc.). Ferner unterscheide man, ob es sich um ein gewichtiges Argument (sententia) oder lediglich um eine beiläufige Ansicht (opinio) handelt, und inwieweit sie mit dem kanonischen Schriften (AT und NT) übereinstimmt. Nützlich sei dabei stets eine Untersuchung der Wortbedeutungen (significatio, Sinn und Referenz) und der Wortverwendung (Pragmatik), der Sprachanwendung (usus loquendi). Die Wahrheitsfindung unterliegt dabei, so Abaelard, auch einer ethischen Einstellung; nicht der Irrtum ist entscheidend, sondern die  Lauterkeit der Absicht (intentio). Der höchste Wahrheitsgehalt ist bei der Bibel (sancta scriptura) und den Worten Christi anzunehmen. Zum Abschluß leite man aus dem Geprüften (probatum) den grundsätzlichen Aussagegehalt, die wahre Proposition ab, und erreiche so eine Lösung der Widersprüche (solutio controversiarum).

Abaelard war so beliebt, daß die Schüler von weither nach Paris kamen. Er galt als frühscholastischer Virtuose in Logik und Dialektik. Nach dem Prolog listet das Buch 158 Quaestiones auf, theologische und moralische Grund- und Streitfragen und stellt jeweils die konträren Lehrmeinungen der Kirchenväter und Konzilien einander gegenüber. (z.B. Ob die Vorhersehung Gottes der Grund für den Ausgang der Dinge sei; ob nichts aus Zufall geschehe; ob die Vorbestimmung Gottes nur im Guten angenommen werden müsse; ob Sünden auch Gott gefallen mögen; ob Gott auch der Grund oder Urheber der Übel sei; ob Gott alles könne oder nicht; ob man Gott nicht widerstehen könne; ob Gott nicht die freie Entscheidung habe; ob dort,
wo das Wollen Gottes fehle, auch das Können Gottes fehle; ob Gott tue, was immer er wolle, oder nicht; usw.) Es sind über 2000 Textstellen. Abaelard ließ keine Kardinalfrage aus, enthielt sich aber selbst der Stellungnahme und überließ es dem Leser, seinen Schülern, das Verfahren selbständig anzuwenden. Abaelard, weit davon entfernt, den Glauben außer Geltung zu setzen, vertraute auf den Primat der Vernunft, auf eine rationale Theologie. Autorität und Tradition verbürgten zuletzt keine Wahrheit. Nur kritische Prüfung führe aus dem Glaubensdunkel ins Licht der Aufklärung.

„Dies zu erreichen, daran hindert uns am meisten die ungewöhnliche Art der Sprache und die divergierende Bedeutung der Ausdrücke, wo doch bald in dieser, bald in jener Bedeutung ein und derselbe Begriff auftaucht. Freilich verfügt ein jeder von ihnen über ein Übermaß an Sinnbedeutungen und Worten. Nach Cicero ist bei allem die völlige Übereinstimmung die Mutter der Sattheit. Sie erzeugt nur Überdruß. Deshalb sollte man auch bei ein und demselben Sachverhalt die Worte selbst abwechseln und nicht alles mit gewöhnlichen und zugänglichen Worten entblößen. Wie sagt der Selige Augustinus: „Dies ist nur deswegen verdeckt, damit es nicht schal wird, und es ist umso willkommener, mit je größerer Mühe man es erforscht und je schwieriger man es sich aneignet.““

Hat man sich dennoch im Dschungel der heiligen Worte und Bedeutungen verirrt und nichts verstanden, so gilt folgende Devise: Entweder ist die Handschrift fehlerhaft oder die Übersetzung oder: Du, verehrter Leser, hast es noch immer nicht begriffen, denke also weiter!

© W.Sofsky 2016

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