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Wolfgang Sofsky
Paul Klee: Polyphon gefaßtes Weiß

In dem Roman „Winterspelt“ von 1974 schildert Alfred Andersch ein Aquarell von Paul Klee aus dem Jahre 1930 „Polyphon gefaßtes Weiß.“: „Sie verfolgte die Bewegung der Farbwerte, die sich, obwohl sie sich in liegenden oder aufrechten Rechtecken abspielte, das weiße Rechteck in der Mitte einkreiste. Diese Bewegung von einem dunklen Rand in ein helles Innere wirkte tatsächlich mehrstimmig, polyphon, weil der Maler es verstanden hatte, die Tonwerte der Aquarellfarben einander durchdringen zu lassen. Die Transparenz, das durchfallende Licht, nahm nach der Mitte hin zu, bis es in dem weißen Rechteck aufgehoben wurde, das vielleicht eine höchste Lichtquelle war, vielleicht aber auch bloß etwas Weißes, ein Nichts.“

Im ersten Band seiner gesammelten pädagogischen Manuskripte „Das bildnerische Denken“ (1956) hatte Klee das Bild als Exempel eines Rezeptionsvorgangs beschrieben, der nicht, wie bei Andersch, von außen nach innen, vom Rand zur Mitte verläuft, sondern umgekehrt, von der Mitte im Uhrzeigersinn in zwei konzentrischen Kreisen um das weiße Rechteck herum. „Polyphon“, also die Gleichzeitigkeit mehrerer Stimmen, kann man die Komposition insofern nennen, als diverse Helldunkel- und Farbwerte gleichzeitig den Mittelpunkt „umfassen“ und „einfassen“, sei es infolge „durchfallenden Lichtes“, sei es infolge „auffallenden Lichtes“. Die Komposition ist zentrisch, das Weiß markiert eine vertiefte Mitte, und das Auge wird als erstes von der fernen Leere angesaugt, bevor es sukzessive nach außen wandert, um am Ende wieder in das Zentrum zurückzukehren, das nirgends ein Ende findet. Mit anderen Worten: Nichts affiziert das Auge mehr als das Nichts. Alle weitere folgt danach.

© W.Sofsky 2016

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