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Wolfgang Sofsky
Marcel Proust: Amiens

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Bei einer Versteigerung des Nachlasses von Marcel Proust bei Sotheby´s erzielte kürzlich eine Zeichnung der Kathedrale von Amiens einen Preis von 47.500 Euro. Wegen des hohen Preises mußte die Stadt Amiens, die das Werk hatte erwerben wollen, aus dem Wettbewerb aussteigen. Proust dürfte die Zeichnung im Herbst 1899 oder Anfang 1900 angefertigt haben, als er im Zusammenhang mit der Übersetzung von John Ruskins „Bible of Amiens“ neben Bourges, Rouen auch die Kathedrale von Amiens besuchte. Die Skizze war einem Brief an seinen Freund Reynaldo Hahn beigelegt. Bedeutsamer als Proust Zeichnung indes ist eine Deskription der Portalzone von Amiens: Erhabenheit durch Größe und Höhe, vor allem jedoch durch „filigranes Gewimmel“.

Amiens

„Wenn Sie sehen, wie dies monumentale und filigrane Gewimmel von steinernen Gestalten in Menschengröße zum Himmel ansteigt, mit ihrem Kreuz, ihrer Schriftrolle oder ihrem Szepter in der Hand, diese Welt von Heiligen, diese Generationen von Propheten, diese Folge von Aposteln, dieses Volk von Königen, dieser Aufmarsch von Sündern, diese Versammlung von Richtern, dieser Schwarm von Engeln, die einen neben den anderen, die einen über den anderen, aufrecht neben der Tür, die Stadt von oben aus Nischen oder vom Rand der Galerien her betrachtend oder die Blicke der Menschen nur noch unklar und geblendet empfangend, am Ansatz der Türme und im Ausströmen des Glockengeläuts, dann werden Sie gewiß an der Intensität Ihrer Empfindung spüren, daß dies etwas Großes ist, dieses gigantische, reglose und leidenschaftliche Aufsteigen.“

© WS 2016

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