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Wolfgang Sofsky
Edgar Allan Poe: Weißer Abgrund

poepym

Abgründe tun sich auf, Räume ohne Grenzen, in Elementen, die keinen Halt bieten. An Abgründe geraten Menschen nicht nur durch die Bewegungen der Körper und Seelen, sondern auch durch die Bewegungen der Feder, getrieben von der Imagination, mühsam gelenkt von den Kalkulationen des Handwerks. Schon der Untertitel des am 1.August 1838 bei der Behörde für Urheherrechte hinterlegten Buches hatte eine Tendenz ins Uferlose. Das Werk mit dem Titel „Die Geschichte des Arthur Gordon Pym aus Nantucket“ bestehe nämlich aus – so jener Untertitel: „den Einzelheiten einer Meuterei und eines fürchterlichen Gemetzels an Bord der amerikanischen Brigg Grampus, auf ihrem Weg in die Süd-Meere, im Monat Juni des Jahres 1827. Mit einem Bericht über die Zurückeroberung des Schiffs durch die Überlebenden; ihren Schiffbruch und nachfolgend das entsetzliche Leiden durch beinahes Verhungern; ihre Errettung durch den britischen Schoner Jane Guy; die kurze Reise dieses letzteren Schiffes im Antarktischen Ozean; seine Kaperung und das Massakrieren seiner Besatzung inmitten einer Inselgruppe auf Höhe des vierundachtzigsten südlichen Breitengrades; zusammen mit den unglaublichen Abenteuern und Entdeckungen noch weiter im Süden, zu denen diese betrübliche Katastrophe geführt hat.“

Edgar Allan Poe, der sich in den Abgründen der Halluzinationen und Delirien vermutlich besser auskannte als in den ozeanischen Abgründen der Seefahrt, ein Sachverhalt, der über Sinn und Wert der Texte nicht das Geringste besagt, da Poe bekanntlich keine Dokumentationen verfertigte, sondern fiktive Welten entwarf, darunter auch einen Roman, den „Pym“, weswegen von seelischen Abgründen hier auch keine Rede sein soll, wie überhaupt eine psychologische oder gar psychoanalytische Deutung (wie jene von Marie Bonaparte) des „Pym“ das ästhetische Abenteuer zu einem Abenteuer des Unbewußten trivialisiert, Poe, der Urheber des Abenteuers also, ließ den Überlebenden am Ende einem Katarakt entgegentreiben, von dem man nicht recht weiß, ob er zur Hölle, in den Himmel oder ins weiße Nirgendwo, bzw. nirgendwohin ins Weiße führt. Es ist Glanzstück literarischer  Imagination, das einmal mehr beweist, daß die Schlüsse von Romanen ebenso bedeutsam sind wie die ersten Sätze, zumal Anfänge stets mit etwas beginnen oder zumindest so tun, Schlüsse indes stets mit nichts enden.

„9. März. Beständig fiel jetzt ein weißer Aschenregen auf uns nieder. Die gewaltige Dunstwand im Süden war unheimlich hoch überm Horizont emporgewachsen und begann jetzt eine deutlichere Gestalt anzunehmen. Ich kann sie nur mit einem auf keiner Seite begrenzten Wasserfall vergleichen, der sich schweigend von irgendeiner riesenhaften und weltentfernten Zinne des Himmels ins Meer ergoß. Dieser gigantische Vorhang schien die ganze Weite des südlichen Horizonts einzunehmen. Kein Laut ging von ihm aus. – 21. März. Nun hing ein mürrisches Dunkel über uns. Aber aus den milchigen Tiefen des Ozeans hob sich ein glimmender Schein und stieg leuchtend an den Flanken des Bootes herauf. Der weiße Aschenregen lagerte sich erdrückend auf uns und begann das Kanu zu füllen, aber im Wasser zergingen seine Flocken. Der Gipfel des Katarakts verschwand vollkommen im Dämmer der Höhe und Ferne. Doch näherten wir uns ihm offenbar mit schrecklicher Geschwindigkeit. Zuweilen erblickte man in ihm weite, gähnende Risse, die sich jedoch augenblicklich wieder schlossen. Aus einer dieser Klüfte, in der sich ein Chaos flirrender und zerfließender Gestalten bewegte, strömte ein heftiger, aber geräuschloser Wind hervor, dessen mächtiger Atem den flammenden Ozean aufwühlte. – 22. März. Die Finsternis war immer dichter geworden und nur der Widerschein des Wassers auf dem weiten Riesenvorhang belebte flirrend die Meeresnacht. Viele ungeheure und gespenstisch bleiche Vögel flogen jetzt unablässig aus jenem Schleier hervor und während sie sich den Blicken entzogen, schrillte noch ihr ewiges «Tekelili» in unseren Ohren. Und jetzt rasten wir den Umarmungen des Wassersturzes entgegen, dorthin, wo sich eine Spalte auftut, uns zu empfangen. Doch in diesem Augenblick erhob sich mitten in unserem Wege eine verhüllte menschliche Gestalt, gewaltiger in ihren Ausmaßen als alle Kinder dieser Erde. Und ihre Haut war von weißer Farbe, von der Farbe des leuchtendsten, blendendsten, ewigen Schnees …“

© WS 2016

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