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Wolfgang Sofsky
„Gottes“macht – endlich

thhobbes

Was immer Menschen sich vorstellen, ist endlich. Sie können daher keine Vorstellung von etwas haben, das sie unendlich nennen. Niemand kann sich ein Bild von unendlicher Größe machen oder eine unendliche Geschichte erzählen. Auch unermeßliche Kraft oder Macht ist dem Menschen nicht vorstellbar. Wenn die Menschen daher von X sagen, er sei unendlich, so sagen sie damit nichts, was sie sich vorstellen könnten, sondern lediglich, daß sie sich für außerstande halten, sich X überhaupt vorzustellen. „Und deshalb dient der Name Gottes nicht dazu, uns eine Vorstellung von ihm zu vermitteln, denn er ist unbegreiflich und seine Größe und Macht sind unvorstellbar, sondern um uns zu seiner Verehrung anzuhalten.“ (Hobbes, Leviathan, Kapitel 3). Nicht um die Erkennbarkeit der Gottheit geht es mithin, sondern um Unterwerfung. Der Zweck der Verehrung ist Macht. Wen man verehrt sieht, durch demütige Gesten, Lobreden oder Bekenntnisse, der wird für verehrungswürdig und mächtig gehalten. Ihm will man gleichfalls gehorchen, wodurch sich dessen Macht wiederum vergrößert. Alle Prädikate, welche man X zusprechen könnte und die man X im Laufe der Glaubensgeschichte zugesprochen hat, sind Aufforderungen zur Verehrung. Was immer man X zuspricht, läuft entweder auf eine Anthropomorphisierung hinaus oder auf einen logischen Widerspruch. Hält man X z.B. für die Ursache der Welt und behauptet man, die Welt insgesamt sei Gott, so behauptet man zugleich, die Welt habe keine Ursache, es gäbe also keinen Gott. „Zu sagen, die Welt sei nicht geschaffen worden, sondern ewig, heißt zu bestreiten, daß es einen Gott gibt, da was ewig ist, keine Ursache hat… Die Vertreter der Ansicht, Gott befinde sich im Zustand der Ruhe, sprechen ihm die Sorge um die Menschheit und somit seine Ehre ab. Denn dies bewirkt, daß die Menschen ihm gegenüber weder Liebe noch Furcht empfinden, und dies ist die Wurzel der Ehre“ (Hobbes, Leviathan, Kap.31). Weder Gestalt, Idee, Ort oder Bewegung, weder Zorn, Liebe, Vernunft oder Wissen kann X zugeschrieben werden, denn alle diese Eigenschaften sind entweder begrenzt und endlich oder sie haben eine Ursache. Von X kann mithin nichts gesagt werden. Wovon aber nichts gesagt werden kann, was unterscheidet dies von nichts? Wenn von allen Dingen, Ereignissen, Zuständen gilt, daß sie endlich und verursacht sind, so ist X nichts. Aber nichts zu verehren, kann dennoch zu einer beträchtlichen Anhäufung von Macht führen. Diese „Gottes“macht jedoch ist begrenzt. Sie ist nur eine begrenzte Vorstellung von etwas Endlichem, nichts sonst. Sie kann daher bestritten, beschnitten, beseitigt werden.

© WS 2016

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