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Wolfgang Sofsky
Erasmus: Torheit Religion

erasmus

Nach ausführlicher Erörterung des Beitrags der Stände und Berufe zur Verbreitung der Narretei faßt Stultitia, die es besonders gut mit ihresgleichen meint, ihre Erwägungen, die Religion betreffend, zusammen: „.. ,daß die christliche Religion offensichtlich eine gewisse Verwandtschaft zur Torheit hat, dagegen weit weniger mit der Weisheit übereinstimmt. Wollt ihr einen Beweis für diesen Sachverhalt, so achtet darauf, daß es vor allem Kinder, Greise, Frauen und Dummköpfe sind, die besonderes Gefallen an heiligen Gegenständen und religiösen Übungen finden und sich stets ganz nah an den Altar drängen, offenbar aus natürlicher Veranlagung. Außerdem seht ihr, daß die Gründer der Religion sich einer wunderbaren Einfalt anvertrauten und erklärte Feinde der Wissenschaft waren. Schließlich werdet ihr keinen Toren sich unsinniger verhalten sehen als den, der ganz von der Glut christlicher Frömmigkeit ergriffen ist. Sein Vermögen schenkt er freigebig weg, um Unrecht, das ihm zugefügt wird, kümmert er sich nicht, läßt sich hintergehen, unterscheidet nicht mehr zwischen Freund und Feind, verschmäht jedes Vergnügen, ernährt sich nur mit Fasten, Nachtwachen, Tränen, Mühsam und Mißhandlungen, ekelt sich vor dem Leben und wünscht einzig den Tod herbei – kurz mit allem, was das gewöhnliche Leben ausmacht, hat er die Verbindung verloren, gleichsam als lebte sein Geist schon anderswo, nur nicht mehr in seinem Körper…“

Nicht nur an den mönchischen Asketen des Lebens, auch an den Lehrern und Schülern des Glaubens hat Stultitia ihr Vergnügen. Sie beten Holzstatuen an, murmeln heilige Zauberformeln, stimmen Bittgesänge an, hoffen auf Glück, Läuterung, Gesundheit und ein langes Leben, sagen einschlägige Verse auf, spenden Kerzen, lassen Ablaßzahlungen und Steuern eintreiben, flehen die Heiligen an, von denen der eine gegen Zahnschmerzen hilft, der andere gegen Seenot, der dritte gegen den Teufel. „Kein einziger jedoch dankt für Erlösung von der Torheit. Sie ist so reizvoll für die Sterblichen, daß sie von allem anderen befreit werden wollen, nur nicht von der Torheit“. (Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit).

Man muß nicht denken, daß fünf Jahrhunderte später die Zahl der Narren geringer sei. Nun bevölkern neben Greisen, Kindern und Dummköpfen auch viele junge und alte Männer die Beträume, neigen Haupt und Glieder, lauschen andächtig dem Prediger, murmeln einschlägige Verse und Formeln, huldigen einem toten Propheten und seiner Gottheit, hoffen auf Glück, Läuterung, Gesundheit und ein langes Leben und geraten in gar großen Zorn, wenn der Spott des Teufels sie ereilt, die Sottisen der Stultitia, welche doch gar nichts mehr liebt als ihresgleichen, die Narreteien der Gläubigen, Frömmler und Frommen. Gäbe es die Torheiten nicht, Stultitia würde sie erfinden müssen, auf daß allüberall lautes Gelächter erschallt.

© WS 2016

 

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