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Romuald Lenski
Servilität

Lenski

Warum verschleudern Menschen ihre Freiheiten? Die Frage nach den Motiven des Gehorsams, der Haltung der Unterwürfigkeit, nach den offensichtlichen und geheimen Triebkräften der Fügsamkeit ist zentral für das rechte Verständnis von Herrschaft. Die Vergeblichkeit der Aufklärung beruht zu einem großen Teil auf tiefsitzenden Sperren, die weder mit Worten noch mit Waffen zu brechen sind. In dem wütenden Widerstand gegen die Zumutungen der Freiheit zeigt sich die ganze Kraft der Servilität. Daß Eliten, Privilegierte, Machthaber ihre Vorteile verteidigen und Aufrührer mit Diskreditierung, Verunglimpfung belegen, sie des Verbrechens an der Ordnung beschuldigen und sie gelegentlich sozial oder physisch exekutieren, dies ist eine historische Banalität. Weit erklärungsbedürftiger ist der selbstgewählte Einsatz überzeugter Sklaven für ihre Herren. So weit reicht gelegentlich die Sklavenmoral, daß die Knechte für ihre Herren, für ihre Götter, Götzen, Könige, Fürsten, Kanzler und Präsidenten ihr Leben drein geben, nicht aus Zwang, nicht aus Erwägungen moralischer Nützlichkeit, nicht aus fadenscheinigen Heilsversprechen, eingebildeten Gratifikationen, sondern freiwillig, aus eigener Überzeugung oder weil sie es für selbstverständlich halten. Die Analyse der Sklavenmoral muß also tiefer graben als alle Klagen über Manipulation, über kognitive oder kulturelle Zwänge, auch weiter als die sinnliche Überwältigung. Sie muß sich frei machen von falschen Hoffnungen. Viele Menschen haben eine tiefe Sehnsucht nach Selbstbetrug, nach Unselbständigkeit, Unmündigkeit, Unterwerfung, nach Autorität, nach Götzen und Göttern, nach Unfreiheit. Sie wollen Sklaven sein, aber warum? Richten wir also die Aufmerksamkeit auf die emotionalen Prozesse der Unterwürfigkeit!

© RL 2016 (aus einem Rundbrief von R.Lenski, Bratislava, an die Mitglieder des Holbach-Instituts)

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